Vorreiter der Einheit

Der Fernsehturm hat es geschafft. Anders als das Ahornblatt oder der Palast der Republik wurde er nicht abgerissen, sondern ist heute das Wahrzeichen von ganz Berlin. Jetzt feiert der Fernsehturm seinen 50. Geburtstag. Eingeweiht wurde er zum 20. Jahrestag der DDR. Doch die Übergabe des Turms an Walter Ulbricht erfolgte schon am 3. Oktober 1969 und somit vier Tag vor dem eigentlichen Republikgeburtstag. Wie konnte es dazu kommen, dass der Fernsehturm ausgerechnet am späteren Tag der Deutschen Einheit eingeweiht wurde?

Der Berliner Fernsehturm, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth
Der Berliner Fernsehturm, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth

Eigentlich sollte der Fernsehturm bereits zu Beginn des Jahres 1969 fertig sein. Doch Bauverzögerungen gab es schon damals in Berlin. Also nahm die SED-Führung den 7. Oktober 1969 in den Blick. Zum 20. Jahrestag der DDR war ein umfangreiches Feierprogramm in der Hauptstadt geplant, die für diese Zwecke in einem neuen Gewand erstrahlen sollte. Der gesamte Alexanderplatz wurde im Stile der sozialistischen Moderne neugestaltet. So entstanden innerhalb weniger Jahre das Centrum Warenhaus, das Interhotel Stadt Berlin, das Haus der Elektroindustrie, das Haus des Reisens sowie das Haus der Statistik. Der Fernsehturm sollte der krönende Abschluss sein.

Der Fernsehturm als sozialistische Stadtkrone auf einem historischen Stadtmodell und einem Gemälde von Walter Womacka in der Ausstellung „Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt“, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth
Der Fernsehturm als sozialistische Stadtkrone auf einem historischen Stadtmodell und einem Gemälde von Walter Womacka in der Ausstellung „Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt“, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth

Walter Ulbricht hatte zu Beginn der 1960er Jahre höchstpersönlich festgestellt: „Nu, Genossen, da sieht man’s ganz genau: Da gehört er hin!“. Der Staats- und Parteichef bestimmte die historische Mitte Berlins als Standort des Fernsehturms. Anders als ursprünglich geplant, wurde er nicht auf den Müggelbergen errichtet, sondern direkt neben der Marienkirche. Der Turm sollte mit seinen 365 Metern als sozialistische Stadtkrone dienen, die von überall gut zu sehen war – nicht zuletzt vom Westen aus. Dafür nahm Ulbricht in Kauf, dass der Fernsehturm seiner eigentlichen Funktion an dieser Stelle nur eingeschränkt nachkommen konnte: Der Einstrahlungswinkel für den Fernsehempfang war für die innerstädtischen Wohnviertel eigentlich viel zu steil. Eine Lage am Rande der Stadt wäre weitaus günstiger gewesen. Doch die propagandistische Funktion überwog. Die SED-Führung wollte im Berliner Stadtzentrum mit dem zweithöchsten Gebäude Europas auftrumpfen. Nur der Fernsehturm Ostankino beim großen Bruder in Moskau war höher.

Zum Republikgeburtstag am 7. Oktober 1969 sollte der Fernsehturm ordentlich in Szene gesetzt werden. Die SED veranstaltete zum 20. Jahrestag der DDR einen wahren Feiermarathon. Auch damals galten Aufmerksamkeitsökonomien und Walter Ulbricht konnte nicht überall gleichzeitig sein. Also wurde das üppige Festprogramm auf mehrere Tage gestreckt: Am 2. Oktober wurde die Weltzeituhr eingeweiht, am 3. Oktober folgte die Übergabe des Fernsehturms, am 4. Oktober wurde Walter Ulbricht mit dem Karl-Marx-Orden ausgezeichnet, am 5. Oktober trafen Leonid Breschnew und die anderen Staatschefs der sozialistischen Bruderländer zu den Feierlichkeiten ein, am 6. Oktober fand die große Festveranstaltung in der Werner-Seelenbinder-Halle statt und am 7. Oktober gab es schließlich die traditionelle Massendemonstration und Militärparade auf dem Marx-Engels-Platz. Erst seit dem 7. Oktober konnte der Fernsehturm von jedermann besucht werden, während an der Einweihung am 3. Oktober nur Walter Ulbricht und einige exklusive Ehrengäste teilgenommen hatten. Auch im Sozialismus gab es V.I.P.

DDR-Briefmarke zur Eröffnung des Fernsehturms, 1969 © & Foto: Wikimedia Commons
DDR-Briefmarke zur Eröffnung des Fernsehturms, 1969 © & Foto: Wikimedia Commons

Für die vorgezogene Einweihung gab es noch einen weiteren Grund: Mit der Übergabe des Fernseh- und UKW-Turms ging auch der Sendestart des zweiten Programms des Deutschen Fernsehfunks einher. Dies war zugleich der Startschuss für das Farbfernsehen in der DDR, mit dem der Osten im medialen Systemwettbewerb nachziehen wollte. Als Willy Brandt zwei Jahre zuvor den Knopf für das erste Farbfernsehen im Westen gedrückt hatte, waren versehentlich schon einige Sekunden zu früh Farbaufnahmen auf den Bildschirmen erschienen. Bei Walter Ulbricht auf dem Fernsehturm lief dagegen alles glatt. Vom 3. Oktober 1969 an sendete auch das DDR-Fernsehen in Farbe. Somit konnte die Bevölkerung den Republikgeburtstag in voller Pracht auf den Bildschirmen verfolgen. Zudem war der 3. Oktober ein Freitag und daher für den Programmstart ins Feierwochenende wesentlich besser geeignet als der 7. Oktober, der 1969 auf einen Dienstag fiel.

Dass der Fernsehturm am 3. Oktober eingeweiht wurde, erwies sich später als List der Geschichte. Denn nach der deutschen Einheit trotzte der Turm aus dem Osten Stadtplanern und Politikern aus dem Westen, die ihn am liebsten abreißen wollten. Heute würde kein Mensch mehr auf so einen Gedanken kommen. Der Fernsehturm ist bei Berlinern wie Touristen gleichermaßen beliebt und aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Überall gibt es Fernsehturm-Kitsch zu kaufen. Auf Instagram dürfte der Fernsehturm mit Abstand das meistfotografierte Motiv sein. Und sogar die Berliner Wasserbetriebe setzen ihn auf den aktuellen Gullideckeln prominent in Szene. Zwischen allen Berliner Wahrzeichen sticht der Fernsehturm deutlich hervor.

Gullideckel der Berliner Wasserbetriebe in der Ausstellung „Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt“, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth
Gullideckel der Berliner Wasserbetriebe in der Ausstellung „Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt“, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth

Die erstaunliche Karriere des Fernsehturms steht zugleich für einen neuen Umgang mit der Ost-Moderne. Während DDR-Bauten wie das Ahornblatt im Jahre 2000 abgerissen wurden oder wie das Haus der Statistik jahrelang verfielen, gehört der Fernsehturm zum anerkannten architektonischen Erbe der Stadt. Seine Gestalt steht paradigmatisch für den Zukunftsoptimismus der 1960er Jahre. Nicht zufällig ähnelt er dem Sputnik, mit dem die Sowjetunion spektakulär das Space Race ins Weltall eröffnet hatte. Inzwischen ist die Zeit der Systemkonkurrenz vorbei und die DDR Geschichte. Doch der Fernsehturm ragt noch immer über Berlin und feiert jetzt seinen 50. Geburtstag. Dass er selbst einmal ein Geburtstagsgeschenk war, ist heute fast vergessen. Aus dem Ost-Berliner Propagandabau wurde das Wahrzeichen von ganz Berlin.