Vom Gewitter ans Licht gespült

Wiederentdeckte Transparente aus der Ost-Berliner Wendezeit

Für die dauerhafte Lagerung im Depot verpackte Objekte nach Trocknung, Stickstoffbehandlung, grober Reinigung und Erfassung in der Datenbank
Für die dauerhafte Lagerung im Depot verpackte Objekte nach Trocknung, Stickstoffbehandlung, grober Reinigung und Erfassung in der Datenbank © & Foto: Ines Hahn

Wer erinnert sich nicht an die Bilder der großen Demonstrationen mündiger DDR-Bürger, die 1989 um die Welt gingen? Besonders die geistreichen Protestslogans und Bilder auf den selbst gebastelten Transparenten, die dem Drängen der Menschen bildhaften Ausdruck verliehen, bleiben bis heute im Gedächtnis. Losungen wie „Stasi in die Produktion“, „Wir sind das Volk“ und „Stalinist auf den Mist“ wurden zu geflügelten Worten der friedlichen Revolution.

Ironie als Ausdruck des Aufbegehrens gegen die herrschenden Machtverhältnisse
Ironie als Ausdruck des Aufbegehrens gegen die herrschenden Machtverhältnisse © & Foto: Ines Hahn

Neben der großen Manifestation am 4. November 1989, zu deren Abschlusskundgebung 500.000 Menschen auf den Berliner Alexanderplatz kamen, eroberte sich das Volk an vielen Tagen und Orten in Ost-Berlin die Straßen und Plätze.

Der historischen Tragweite dieser Zeit bewusst, initiierte der Verband Bildender Künstler (VBK) der DDR Anfang 1990 eine Sammelaktion für Transparente und Plakate, die auf den verschiedenen Wendedemonstrationen mitgeführt worden waren.
Zu den Initiatoren gehörte der Architekt Wolfgang Kil, der mehr als 20 dieser Transparente über die Zeit aufbewahrte, nachdem sie in verschiedenen Ausstellungen gezeigt worden waren.

Bei einem sturzbachhaften Sommergewitter drang Wasser in den Lagerort der Transparente, sodass das Stadtmuseum Berlin zur Rettung gerufen wurde. Da Wasser und Wärme binnen Stunden Schimmel in Gang setzen, war schnelles Handeln erforderlich. Nach der ersten Sichtung der Transparente durchliefen sie als nächsten Schritt über vier Wochen eine Vorrichtung, in der mittels Stickstoff mögliche Schädlinge vernichtet wurden, die im Depot eine Gefahr für andere Sammlungsstücke dargestellt hätten, wie zum Beispiel Motten.

Kuratorin Katja Remus und Wolfgang Kil bei der ersten Sichtung der Transparente vor dem Depot der Textilsammlung © & Foto: Ines Hahn
Starker Schimmelbefall, der durch die Trocknung gestoppt werden konnte © & Foto: Ines Hahn
Optische Verbesserung mittels grober mechanischer Reinigung der Oberfläche mit Pinsel und Abluft durch die Fachrestauratorin © & Foto: Ines Hahn

Die textilen Objekte werden nun dauerhaft in der Textilsammlung, die Pappschilder in der Sammlung Alltagskultur des Stadtmuseums Berlin aufbewahrt. Sie dokumentieren für künftige Generationen eindringlich folgende Demonstrationen:

  • Die größte nichtstaatliche Demonstration der DDR am 4. November 1989 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz, organisiert von Berliner Schauspielern.
  • Die „Pro DDR-Demo“ in Dresden, eine „Gegenveranstaltung“ zum Besuch Helmut Kohls in der Stadt am 19. Dezember 1989. Sie richtete sich gegen die Deutsche Einheit, Ausverkauf und die Vereinnahmung der DDR sowie gegen Rechtsextremismus. Sie wurde vom „Neuen Forum“, der „Kirche von Unten“, der „Vereinigten Linken“ und dem Bündnis „Demokratie Jetzt“ initiiert.
  • Die Demonstration der Studentenbewegungen mit ca. 10.000 Teilnehmern am 17. Dezember 1989 auf dem Ost-Berliner Bebelplatz.
  • Die vom VBK der DDR initiierte Demonstration für die „Rechte des rumänischen Volkes“ am 15. November 1989 vor der Rumänischen Botschaft in Ost-Berlin mit 300 Teilnehmern.

Diese fragilen Objekte, die mit improvisierten Mitteln für „Ereignisse des Tages“ und nicht „für die Ewigkeit“ gemacht wurden, sind damit gesichert, bis sie für eine Ausstellung benötigt und restauriert werden.