Union-Berlin-Fans im Visier der Stasi

Über „negativ-dekadente“ Fußballfans und den Umgang mit ihnen in der Hauptstadt der DDR

Spiel zwischen Union Berlin und dem FC Berlin im September 1990, 23. September 1990 © Bundesarchiv (183-1990-0923-300 ) | Foto: Klaus Franke
Eine Fotografie aus späteren Jahren. Diese Aufnahme entstand beim Spiel zwischen Union Berlin und dem FC Berlin im September 1990, 23. September 1990 © Bundesarchiv (183-1990-0923-300 ) | Foto: Klaus Franke

Im Oktober 1977 sahen sich die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes dazu veranlasst, die Parteiführung der SED in mehreren Berichten über die Umtriebe der Fans des 1. FC. Union Berlin zu informieren. Den Anlass dazu hatten vermehrte Ausschreitungen bei Auswärtsfahrten des Vereins und Krawalle am Alexanderplatz gegeben, die ebenfalls mit Anhängern von Union in Verbindung gebracht wurden. 

So wurden beispielsweise in Fernzügen und S-Bahnen der Deutschen Reichsbahn: „Scheiben, Lampen und Toilettenanlagen zerschlagen, Sitzbänke durch Abreißen von Teilen und Zerschlitzen des Bezugsmaterials zerstört, Haltestangen aus ihrer Befestigung gerissen und Feuerlöscher entleert. Abgerissene Gegenstände wurden in der Regel während der Fahrt aus den Zügen geworfen. In zwei Fällen wurde in D-Zügen während der Fahrt missbräuchlich die Notbremse gezogen.“

Das sind Delikte, die einem aus der Nachberichterstattung zur Fußball-Bundesliga der Gegenwart nur zu bekannt vorkommen. Für die SED waren randalierende Fußballfans aber ein besonders großes Problem, da es solches Verhalten in der sozialistischen DDR eigentlich überhaupt nicht mehr geben durfte. Die Mitarbeiter der Stasi störten sich auch an den Parolen der jungen Männer, die die besondere Lage Ost-Berlins thematisierten, wie beispielsweise: „30 Meter im Quadrat, hohe Mauer, Stacheldraht, zwischen hohen Häusern Minen, das ist unser Ost-Berlin“. Die Anhänger des Vereins aus Köpenick skandierten außerdem immer wieder Parolen in denen Parteiführung und Volkspolizei direkt angegriffen wurden. In den Berichten der Stasi sind auch immer wieder angestimmte neonazistische Fangesänge vermerkt. Dazu hatten Union-Fans den Schiedsrichter beim Auswärtsspiel in Halle am 15.10.1977 mehrfach antisemitisch beleidigt. Diese Fans der „Eisernen“ aus Köpenick griffen damit das Bild der DDR als antifaschistischen und sozialistischen Staat an.

Die Stasi erklärte das Verhalten der Fans vor allem mit „negativ-dekadenten“ Einflüssen aus dem Westen wie der Beatmusik oder ganz konkret mit den freundschaftlichen Kontakten zwischen Union-Anhängern und dem West-Berliner Verein Hertha BSC. Die meisten dieser Jugendlichen „Rowdys“ verbrächten ihre Freizeit sehr eintönig und trieben wenig Sport. Außerdem seien bei den betroffenen Personen häufig Probleme bei der elterlichen und schulischen Erziehung aufgetreten. So wurden bei ihnen angeblich schon früh „Tendenzen zur Aufsässigkeit und Herumtreiberei“ festgestellt. Die Behörde versuchte die Jugendlichen also als gesellschaftliche Außenseiter darzustellen. Als Orte, an denen die Täter besonders häufig wohnhaft seien, machten die Beamten Treptow, Köpenick und Lichtenberg aus.

Als Problemlösung schwebte den Stasi-Mitarbeitern die Aussprache drakonischer Strafen sowie eine Intensivierung der Zusammenarbeit mit der Vereinsführung von Union Berlin und mit den jeweiligen Vorgesetzten der als „Rowdys“ identifizierten Jugendlichen vor. Die Kontrolle über diese Personen sollte also noch mal erhöht werden. Verurteilte Randalierer wurden manchmal namentlich in den Zeitungen der DDR genannt und so an den öffentlichen Pranger gestellt.

Die Berichterstattung der Zeitungen zu Randalen von Fußballfans in der DDR ist auch unter einem weiteren Aspekt interessant: der Systemkonkurrenz mit der BRD. Über die Krawalle am Alexanderplatz vom 7.10.1977 berichteten mehrere westdeutsche Medien. Im „Neuen Deutschland“, das über das Ereignis selbst nur eine kleine Notiz am 10.10. veröffentlicht hatte, erschien am 14. Oktober ein empörter Bericht über die westliche Berichterstattung: Die Zeitungen der DDR würden sich bei vergleichbaren Ereignissen im Westen immer in Zurückhaltung üben. Der Artikel stellte die Ausschreitungen vor dem Fernsehturm gänzlich anders als der Berichterstatter der Stasi dar, nämlich als Dummheit von Jugendlichen, die „einen Schluck zu viel getrunken hatten“ und noch „von der Beatmusik erregt waren“.

Alle Zitate stammen aus den Berichten der Staatssicherheit an die SED

17. August 1977
Information Nr. 536/77 über rowdyhaftes Verhalten Jugendlicher im Zusammenhang mit dem Oberliga-Punktspiel 1. FC Magdeburg gegen den 1. FC Union Berlin
BStU, MfS, ZAIG 2731, Bl. 1–5 (10. Expl.).

27. August 1977
Information über erneutes rowdyhaftes Verhalten von »Anhängern des 1. FC Union Berlin« im Zusammenhang mit dem Oberliga-Punktspiel BFC Dynamo gegen den 1. FC Union Berlin am 26.8.1977 [Bericht O/46]
BStU, MfS, ZAIG 4117, Bl. 1–4.

10. Oktober 1977
Information Nr. 623/77 über rowdyhafte Ausschreitungen von Jugendlichen und Jungerwachsenen in den Abendstunden des 7.10.1977 in der Hauptstadt der DDR
BStU, MfS, ZAIG 2743, Bl. 1–5 (6. Expl.).

10. Oktober 1977
Information Nr. 599/77 über gesellschaftsgefährliches Verhalten negativ-dekadenter Jugendlicher im Zusammenhang mit Spielen der Oberliga-Fußballmannschaft des 1. FC Union Berlin
BStU, MfS, ZAIG 2731, Bl. 16–33 (17. Expl.).

17. Oktober 1977
Information Nr. 637/77 über erneutes gesellschaftsgefährliches Verhalten negativ-dekadenter Jugendlicher im Zusammenhang mit dem Oberliga-Punktspiel des 1. FC Union Berlin gegen den Halleschen Fußballclub Chemie am 15.10.1977
BStU, MfS, ZAIG 2731, Bl. 34–37.

Leseempfehlungen:
Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet online frei zugängliche Beiträge zur Hooliganszene in der DDR mit einem Fokus auf die 1980er Jahre sowie zur Freundschaft zwischen Union und Hertha.