Papierkleidboom in Ost-Berlin

Blick auf den Bahnhof Alexanderplatz, das Centrum-Warenhaus und Passanten
Bahnhof Alexanderplatz und Centrum-Warenhaus, 30.12.1985 © & Foto: Gerd Danigel (Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en)

Im Frühsommer 1969 kaufte meine Mutter sich in der neu eingerichteten Jugendmodeabteilung des Centrum-Warenhauses zwei Kleider. Das Stück für 11,50 Mark. Sie war damals 37 Jahre alt und eigentlich nicht die Zielgruppe dafür, aber noch jung genug sie zu tragen. Ich war zehn Jahre alt und neidisch, weil ich auch so ein Kleid haben wollte, aber meine Mutter sagte mir: „Du bist zu klein. Was willst du denn anziehen, wenn du erwachsen bist?“

Die eigentliche Zielgruppe waren junge Mädchen mit Spaß an Mode, die gerne etwas Neues probieren wollten. Das Besondere an diesen Kleidern war, dass sie nicht aus Stoff genäht waren. Sie bestanden aus einem neuen Material, das in der DDR unter dem Namen „Vliesett“ patentiert worden war. Allgemein wurden die Kleider „Papierkleider“ genannt. Es handelte sich jedoch nicht um Papier, sondern um ein Vlies aus 60 % Viskosefasern, 20 % Polyamidfasern (Dederon) und 20 % Polyester (Grisuten), das sehr günstig in der Herstellung, bedruckbar wie Papier und leidlich widerstandsfähig war.

Eigentlich entsprach schnelllebige Mode nicht dem ästhetischen Programm des DDR-Designs, man fragt sich also, warum ein solches Modell auf den Markt kam. Die Staatsmacht hatte erkannt, dass das Bedürfnis nach junger Mode politische Bedeutung hatte und so wurde 1967 das „Zentrale Entwicklungs- und Vertriebsbüro Jugendmode“ gegründet. 1968 entstanden erste Verkaufsflächen in den Warenhäusern. Ab 1969 gab es Filialen des Kombinates Sonnidee, in Berlin zum Beispiel am Spittelmarkt und in der Frankfurter Allee. Die erste Kollektion „Junge Mode 68 – kess und farbenfroh“ war schnell vergriffen und man kam mit der Produktion nicht nach. So fiel der Entschluss, Vliesettkleider zu produzieren, um die Lücke zu füllen.

Erfunden wurde das „Papierkleid“ nicht in der DDR. Bereits 1957 berichtete die in Mönchen Gladbach (heute Mönchengladbach) erscheinende Zeitschrift „Bekleidung und Wäsche“ über den Einsatz von Vliesverbundstoffen in der Atomindustrie. Diese Materialien schützen gegen radioaktive Anhaftungen und mussten nicht gewaschen werden, sondern wurden nach einmaligem Tragen entsorgt. Dieselbe Zeitschrift berichtete 1967 von einem Papierkleidboom, ausgelöst durch die Firma Scott Paper Co. in New York. Etwas später zogen Paris und London mit eigenen Produkten nach. Die deutsche Firma Rawe in Nordhorn stellte ein Vliesett-ähnliches Material her, das zu Teenagerkleiden verarbeitet wurde. 40 000 Stück der Wegwerfkleider wurden mit erstaunlich hohem Umsatz verkauft.

Zurück zu den Vliesettkleidern in Ost-Berlin: Bevor das Vliesettkleid in den Handel kam, wurden 100 Testträgerinnen ausgewählt, die Kleider auszuprobieren. Die Testreihe wurde von der Jungen Welt, dem Zentralorgan der FDJ, mit einer Kampagne begleitet, die Berichte über Entwicklung und Produktion sowie Beurteilungen durch die Testerinnen enthielten. Ratschläge zum Einsatz der Kleider wurden erteilt: Nicht in der Schule oder zum Radfahren, aber gerne zum Tanzen und zum Strandbummel tragen! Schonend mit der Hand waschen und nicht rubbeln. Tropfnass aufhängen. Ein Riss? Einfach durchsichtigen Klebestreifen auf die Innenseite kleben. Zu lang? Einfach abschneiden, versäumt werden musste nicht. Der positive Verlauf der Testreihe zog die Produktion von 20 000 Kleidern nach sich. Erstaunlich ist, dass die Vliesettkleider heute als DDR-typisch wahrgenommen werden, obwohl es Vorbilder und Entsprechungen im Westen gab.

Das Material hielt etwa sechs Wäschen durch, dann wurde die Oberfläche brüchig. Der Schnitt musste immer etwas weiter sein, denn das Material war nicht dehnbar und passte sich schlecht dem Körper an. Wir finden also meist das Hängerchen in Minilänge vor. Der Mini setzte sich im Osten schnell durch, prüde war man bekanntlich nicht. Es gab die Kleider in allen Spielarten psychedelischer Muster. Auch dafür kamen die Vorbilder aus dem Westen: Pop- und Op-Art-Künstler, wie Andy Warhol, lieferten die Anregungen dafür. Auch namhafte Modemacher, wie Paco Rabanne, experimentierten mit Vlieskleidern.

Wikipedia schreibt zum Vliesett, es sei nach einem kurzen Boom wieder vom Markt verschwunden. Das ist nicht richtig: Wir finden es in der Berufskleidung, als Campingtischdecke oder Näheinlage immer noch vor. Allerdings ohne die bunten Drucke.

Mit dem Vliesett-Kleid feierte meine Mutter ihren persönlichen „Summer of 69“ in der DDR. So hätte sie das selbst jedoch niemals gesehen.