Ost-Berlin von A bis Z

Straßenszene in Ost-Berlin
Straßenszene in Ost-Berlin © Stadtmuseum Berlin – Archiv Rolf Goetze

Altbau, Neubau, Altneubau
Mit Spitzdach, ohne Dach, Plattenbau, Flachdach! Was denn nun? Ein Altbau ist durch das Baujahr definiert: auf jeden Fall vor 1920. In der DDR kam ab Anfang der 1960er Jahre der Neubau hinzu, der heute gemeinhin als Platte bekannt ist – den Begriff kannte man in der DDR nicht. Wenig bekannt ist die Mischung von beidem, die in der Zwischenzeit Konjunktur hatte: Der Altneubau bezeichnet ein meist viergeschossiges, in traditioneller Stein-auf-Stein-Bauweise errichtetes Gebäude.

Bruch
Es ist der Abend des 9. Novembers 1989, als der SED-Funktionär Günter Schabowski die neuen Reiseregelungen der DDR bekannt gibt. Demzufolge können Privatreisen ins Ausland ohne besondere Voraussetzungen und Verwandtschaftsverhältnisse beantragt werden und kurzfristig erfolgen. Die Menschen strömen an die Grenzübergangsstellen und passieren. Auf Zusammenbruch folgt Wiedersehen.

Chausseestraße
Bei Westkindern bekam die Chausseestraße nur beim abendlichen Monopoly-Spielen Aufmerksamkeit. Sie gehörte zu den hellblauen Spielfeldern, die kaum Miete einbrachten und die daher niemand haben wollte. Im Berliner Osten gehört sie nicht zu den unscheinbaren Straßen der Stadt, und das liegt auch an Wolf Biermann. Sein zweites Album entstand mit einem aus dem Westen geschmuggelten Grundig-Tonbandgerät und Sennheiser-Mikrofon in seiner eigenen Wohnung und bekam demzufolge den Titel „Chausseestraße 131“. Samt Coverbild der sympathisch verwohnten Intellektuellenbude.

Datsche
Links: die Schienen des Regionalverkehrs. Rechts: die S-Bahn. Dazwischen: das „Paradies“ – also zumindest eine Lichtenberger Kleingartenanlage, die sich so nennt. Der eigene „Jarten“ mit Datsche, ostdeutsch für Laube, ist nach wie vor entscheidend für’s Lebensgefühl vieler Ost-Berliner*innen. Treptow- Köpenick kommt sogar auf 148 Kleingartenanlagen – absoluter Datschenrekord in Berlin!

Elaste
„Plaste und Elaste aus Schkopau“. So warb die DDR für ihre volkseigene Kunststoffproduktion. Die Knappheit von Naturstoffen wie Baumwolle glich sie mit einer massiven Produktion von Synthetikfasern aus. Präsent 20, Wolpryla, Malimo und natürlich Dederon gehören zu den bekanntesten Kunststoffen. 20 Prozent des Kleiderbedarfs wurden allerdings zu Hause gefertigt, mit improvisierten Materialien wie Erdbeerfolie oder Gewürzen und kreativen Schnitten. In Ost-Berlin gab es in den 1980er Jahren alternative Modenschauen in Hinterhöfen. Mode wurde hier zum Ausdruck von Non-Konformität und Systemkritik.

Fernsehturm
„Big Brother is watching you“ – na ja, vielmehr beobachten wir ihn: der „Fernseh- und UKW-Turm der Deutschen Post“, von etlichen Alt-Berliner*innen „Telespargel“ genannt und heute fälschlicherweise bekannt als „Alex“. Der Turm wurde von 1965 bis 1969 gebaut und ist mit 368 Metern das höchste Gebäude Deutschlands. Er ist da, läuft nicht weg und dennoch werden die Finger jener, die an ihm vorbeikommen, unweigerlich zum Auslöser der Kamera zucken, um ihn das etwa 368. Mal festzuhalten.

Grenzübergang
Es ist Winter in Berlin. Winter im Jahr 1989 auf einem Foto von Harald Hauswald. Menschen machen sich mit Hammer und Meißel auf den Weg zur Mauer. Sie haben keine Jacken an, aber warm wird ihnen schon bald, denn jetzt heißt es zuhauen. Ein, zwei Mal, der Beton beginnt zu bröckeln. Jetzt muss man sich sputen, um noch ein Stück als Andenken mitnehmen zu können. Mild lächelnd beobachtet ein junger Grenzsoldat das Treiben. Seine Hand steckt locker in der Hosentasche, entgegen der Dienstvorschrift – aber welche Regeln gelten gerade noch?

Hausbuch
Ab September 1951 musste in jedem Wohnhaus der DDR ein Hausbuch geführt werden. Erfasst wurden darin nicht nur die Mieter*innen, samt Beruf, Personalausweisnummer und der genauen Lage der Wohnung. Auch Besuch musste eingetragen werden. Stasi-Mitarbeiter*innen war das Hausbuch auf Verlangen vorzulegen. Aus den anfänglich 15 Seiten wurden in den letzten Jahren vor der Wende 64. Und stellen Sie sich vor, wie viele es heute wären, in Zeiten von Airbnb und Co!

Interhotel
Die Interhotels der DDR brachten vor allem eines: Devisen, Devisen, Devisen. Bevorzugt durch Gäste aus dem nichtsozialistischen Ausland. Die Hotels waren eine Welt gehobener Klasse, aber auch gehobener Überwachung durch die Stasi. In Ost-Berlin wurde 1987 das „Grandhotel“ eröffnet, eines der größten Interhotels der DDR.

Jottweedee
Wat kiekst’n so, ey? Weeßte nich’, wat dit hier heißt oder wie? „Jwd“ is’ kurz für janz weit draußen, ordentlich inne Pampa, weeßte? Wenn man ma’ wieder raus muss ausse Stadt, nach „Schweineöde“ zum Beispiel, dann is’ dit rüschtüsch jottweedee.

Komplexannahmestelle
Warum nicht einfach mal die Komplexitäten des Lebens abgeben? Die DDR hatte wahrhaftig eine Komplexannahmestelle! Leider war sie nur für die Reparatur von Elektrogeräten, Schuhen und die chemische Reinigung der Kleidung zuständig. Schade! Eine weniger komplexe Welt wäre auch damals schon allzu schön gewesen.

Liedermacher*innen
„Du, laß dich nicht verbrauchen, / gebrauche deine Zeit. / Du kannst nicht untertauchen, / du brauchst uns und wir brauchen / grad deine Heiterkeit.“ Wolf Biermann, „Ermutigung“. Der Liedermacher bekam 1965 ein Auftritts- und Publikationsverbot in der DDR und wurde 1976 ausgebürgert.

Majakowskiring
Vom Park des Schlosses Schönhausen sind es ein paar Schritte zum Straßenoval, das 1950 nach dem sowjetischen Dichter Wladimir Wladimirowitsch Majakowski benannt worden ist. Zu DDR-Zeiten war der Ring ein geschlossenes Wohnviertel für die Machtelite. Überall Polizei und Kameras. Und heute? In den Villen und modernen Holz- und Glaskästen haben Steuerberater*innen und Rechtsanwält*innen ihre Büros, neben einem polnischen Forschungsinstitut und der Botschaft der Republik Sambia. Dazwischen: jede Menge Kameras.

Nina Hagen
Ein bisschen anders sein. Schrill, polarisierend und fein. / Eingrenzungen durch Gesellschaft und Politik? Für Dich nicht, hier gewinnt die Musik. / Nina? Nein, eigentlich heißt Du Catharina. / Geboren am 11. März 1955 im Ostberliner Bezirk Friedrichshain, / die Tochter von Eva-Maria und Hans Oliva-Hagen solltest Du sein. / Von Tag eins ein Kind der Dramaturgie, / Deine Leidenschaft für Kulturelles blieb und wurde nie zur Allergie. / Inspiriert wurdest Du von großen Dichtern und Denkern, / doch sicherlich keinen kapitalistischen Bänkern. / Nein, es sind Männer wie Heinrich Böll und Bertolt Brecht, / für die einen nicht, aber für Dich zu Recht. / Wieso der Griff zu den Drogen, wenn es nicht lief nach Deiner Nase? / LSD zur Befreiung aus einer düsteren Phase? / Dem Tod entkamst Du hier nur knapp, / doch glücklicherweise machtest Du nicht schlapp. / Von hieran sagtest Du den Drogen Aufnimmerwiedersehen. / Aber nicht nur den Drogen, auch eine Ehe wolltest Du ab jetzt umgehen. / Enthaltsam leben, nach Scheidung und Beziehungsproblemen. / Sind Schmerz durch die Liebe und die Ehe für Dich der Tod? / Denn Du fragtest: Wieso weiterleben, wenn man durch die Liebe sieht nur rot…

Ost-Berlinerin
Ein ganz bestimmter Typ Frau, halb Elfe, halb Amazone, schön und elegant, frech und selbstbewusst. Man kennt sie aus DEFA-Filmen, aus „Sibylle“-Fotografien, in der Straßenbahn sieht man sie heute noch. Wie bieder erschienen die West-Frauen dagegen. Denk dir die Straßen und Plätze dazu – alles Bühnen für ihre Auftritte. Ein Traum von Moderne, der Sehnsucht weckt nach dem Selbstbewusstsein dieser Frauen.

Punks und Pioniere
„Seid bereit! – Immer bereit!“ trifft auf „No Future“. Die einen waren gegen den Staat, die anderen ein Sinnbild des DDR-Sozialismus. Aus früheren Pionieren wurden später Punks, die Haare gefärbt und aufgestellt und der Pionierskluft – weißes Hemd mit rotem Halstuch – abgedankt. Abhängen am Kulturpark Plänterwald oder im Ferienlager an der Ostsee. Wer machte wohl was?

Quietschen der Straßenbahn
Es ist nicht zu überhören, besonders bei trockenem Wetter: das Quietschen der Straßenbahn. Es entsteht, sobald sich eine Tram in die Kurve legt und die Räder auf den Schienen entlangschleifen. BVG und Senat haben das so ostberlintypische Geräusch seit geraumer Zeit auf dem Kieker. Jetzt macht ihm eine neue Schmiertechnik tatsächlich den Garaus. Der handliche Name der Vorrichtung: Laufflächenkonditionierung.

Riesenrad
Im Plänterwald riecht es nach Bärlauch. Die Sonne scheint durch das Blätterdach, die Vögel trällern und das Wasser der Spree schlägt von Weitem dumpf ans Ufer. Zwischen dem Grün der Bäume scheinen rostrote Stahlstreben hervor, blaue Gondeln mit gewellten Dächern: das stillgelegte Riesenrad des ehemaligen Kulturparks der DDR. Wie weit durfte das Auge blicken? 1970, 1980, 1990?

SEZ
Ein Wasserfall! Mitten in Ost-Berlin! Im Sport- und Erholungszentrum, kurz SEZ, in Friedrichshain, das 1981 nach Plänen eines schwedischen Architekt*innenteams gebaut wurde, gab es einen. Und darüber hinaus: eine Saunalandschaft, Bäder und abermals Bäder, Sport- und Veranstaltungshallen und sogar Sonnenbänke. Diese seien jedoch problematisch gewesen, erwähnt Wikipedia ausdrücklich, da es auf ihnen „auch häufiger zu einvernehmlichen sexuellen Kontakten kam“.

Totengräber
Der Beruf, der im Mittelalter noch als verachtenswert galt, war in Ost-Berlin weit verbreitet. Dahinter steckte weniger eine Begeisterung für das Schaufeln von Ruhestätten, sondern die Not: Wer in der DDR keinen Beruf hatte, galt als „asozial“. Jene, die nicht als solche gelten wollten, aber auch politische Aussteiger und Personen, die die Zeit bis zu ihrer Ausreise in den Westen überbrücken mussten, übten diesen ungewöhnlichen Beruf aus. Der wird bekanntermaßen solange gebraucht, wie es Menschen gibt – in Ost und West.

U. N. V. E. U.
In den 1990er Jahren gab es in vielen Kneipen und Büros Zettel an der Wand, auf denen stand: вер даз лезен канн, изт кеин доофер весси! Menschen, die nie Russisch in der Schule hatten, blieben außen vor. Ähnlich ist es mit dem Akronym U.N.V.E.U. Nur verbirgt sich dahinter keine Beleidigung, wie im Fall des auf kyrillisch geschriebenen deutschen Satzes, sondern ein Zuhause, auch Wohnzimmer genannt, und in ihm eine Mannschaft, die mehr können muss als Fußball spielen, der 1. FC Union Berlin. Bei jedem Heimspiel in der Alten Försterei wird das Rätsel aufgelöst: UND NIEMALS VERGESSEN, EISERN UNION.

Vorsicht
Romantische Versteckspiele fanden auf den Dächern der Gründerzeithäuser von Prenzlauer Berg oder Friedrichshain statt. Hier haben sich Paare getroffen, um ungestört zärtlich zu sein oder Sex zu haben, den Blick über die Stadt zu genießen oder den Nachbar*innen in den halligen Innenhöfen beim Streiten und Singen zu lauschen. Aber Vorsicht! Marode Dächer konnten auch mal zu einem Sturz in die Dachböden führen. Vorbei die Romantik …

Westbesuch
„Da hab‘ ick zu meinem Anwalt Herr Möller jesagt: Ick will doch jar nich janz weg. Da steh‘ ick doch drüben jenauso vor der Mauer, wie ick hier vor der Mauer steh‘. Aber ick bin doch hier zu Hause, ick will doch nur mal gucken.“ Robert Paris, Ost-Berliner Fotograf.

Xenophobie
Gab es auch in der DDR. Trotz „antifaschistischen Schutzwalls“.

Ystader Straße
Das einzig Besondere an der Ystader Straße ist das Ypsilon.

Zahlbox
Die Zahlbox war ein mechanisches Gerät für den Erwerb eines Fahrscheins in öffentlichen Verkehrsmitteln Ost-Berlins und ersetzte in den 1960er Jahren die Schaffner*innen. Die Kosten für die Entlohnung des Zählpersonals waren viel höher als die Einnahmen in der Box selbst. Passagier*innen konnten den Apparat mit Hosenknöpfen betrügen, die im Einkauf teurer waren als die zwanzig Pfennig, die für eine Fahrt bezahlt werden mussten.

Das Ost-Berlin-ABC entstand in Kooperation mit Studierenden der Universität der Künste Berlin als Teil des Ost-Berlin-Journals. Wenn Sie mehr über Ost-Berlin erfahren möchten, besuchen Sie die Ausstellung Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt im Museum Ephraim-Palais.