Ost-Berlin 2.0

Lernen und Entdecken mit dem Smartphone.

Screenshots der Startmenüs beider Apps im Oktober 2019
Screenshots der Startmenüs beider Apps im Oktober 2019

Ich nutzte das Herbstwetter der letzten Wochen, um Ost-Berlin auf einem mir völlig neuen Weg zu erkunden, nämlich mit meinem Smartphone!

Einige schmunzeln jetzt wohlmöglich und fragen sich, in welchem Zeitalter ich eigentlich lebe, anderen geht es vermutlich genau wie mir. Bisher gebrauchte ich meine Funkzelle ganz altmodisch vor allem, um zu telefonieren und Nachrichten über sämtliche „Messenger“ in die Welt zu versenden oder Schnappschüsse von Orten und Menschen festzuhalten.

Auf dem Sofa sitzend und mit einer Tasse Tee in der Hand, begebe ich mich an einem verregneten Septemberwochenende auf Exkursion in neue Welten des World Wide Web. „Dein Smartphone kann so viel mehr“ kommt mir zuvor ständig aus meinem Bekanntenkreis zu Ohren. Gesagt, getan. Statt mich in Gummistiefeln hinaus unter die grauen Wolken der verregneten Prenzlberger Tristesse zu wagen, verbinde ich mein Telefon mit dem Ladegerät und suche nach Apps, die sich der Geschichte Berlins verschrieben haben. Schnell stoße ich auf die kostenfreien Angebote berlinHistory und ABOUT BERLIN und klicke mich für die nächsten zwei Stunden durch die Geschichte(n) meiner Nachbarschaft.

„Geschichte ortsbasiert erleben“ mit berlinHistory

Das Angebot berlinHistory und der gleichnamige Verein haben es sich zur Aufgabe gemacht, Spuren der Berliner Geschichte „sicht- und erlebbar zu machen und nachhaltig zu bewahren“. Dabei setzen sie auch auf das Prinzip der Partizipation. Mit berlinHistory entsteht eine offene digitale Plattform für alle. Beteiligen kann sich jede und jeder – Kulturinstitutionen, wie Museen und Archive oder auch private Initiativen und Bürger*innen. Das Angebot lebt von Texten, historischen Fotografien oder Videos, Tonaufnahmen, Kartenmaterial, Zeitzeugenberichten und Vorher-Nachher-Bildern. Finanziert wird die App über Fördermitgliedschaften und Spenden und konnte schon viele Kooperationspartner für eine Zusammenarbeit begeistern.

berlinHistory ist übersichtlich aufgebaut und gestaltet. Einzelne Epochen können gezielt aus- oder eingeblendet werden, um die Vielzahl interessanter Orte übersichtlicher zu halten. Spezifischen Themen oder Orten kann man sich über unterschiedliche Wege nähern. Einerseits gibt es einen „Themen“-Button, den ich für eine lehrreiche „Geschichtsstunde auf dem Sofa“ nur empfehlen kann. Andererseits wird mir als Userin der Zugang über einen Stadtplan angeboten, bei dem ich mich mittels Ortung direkt über spannende Orte in meinem Umfeld informieren kann. Eine dritte Möglichkeit für einen goldenen Herbsttag, verknüpft mit ein wenig historischer Bildung, bieten bereits zwei unterschiedliche Rundgänge durch den Stadtraum. Die Rundgänge kann man in individuellem Tempo und zu jeder Tages- und Nachtzeit allein oder mit dem nächsten Familienbesuch unternehmen, wenn die Verwandtschaft einmal wieder unterhalten werden möchte. „Die verschwundene DDR. Eine Spurensuche unter den Linden“ werde ich bald einmal austesten.

Nördlicher Eingang des Nordbahnhofs im Oktober 2019 © & Foto: Sara Stammnitz
Ausstellung „Grenz- und Geisterbahnhöfe im geteilten Berlin“ der Stiftung Berliner Mauer im Nordbahnhof © & Foto: Sara Stammnitz

Über ein Register ist es möglich, direkt nach Begriffen zu suchen oder in Kategorien zu stöbern. Das graue Nass vor dem Fenster ließ mich unweigerlich bei der Kategorie „Geisterbahnhöfe“ stoppen. Zwei Geisterbahnhöfe liegen ganz in meiner Nähe und faszinieren mich schon, seit ich sie zum ersten Mal betreten habe. In der App erzählt die Stiftung Berliner Mauer als Kooperationspartner viele interessante aber auch erschreckende Fakten über die abgeriegelten Bahnhöfe und stellt beeindruckendes Fotomaterial zur Verfügung.
Um im Nordbahnhof vom Ausgang nach Ost-Berlin (Invalidenstraße) über den Bahnsteig bis zum Ausgang nach West-Berlin (Gartenstraße) zu gelangen, hätte ich vor 30 Jahren noch sechs Mauern und ein Stahlgitter durchbrechen müssen – heute kann ich entspannt über den Bahnsteig schlendern und in Ost-Berlin in die Tram steigen. Unvorstellbar!

Ich nehme mir vor, mich am nächsten Sonnentag mit berlinHistory noch einmal nach draußen zu wagen. Aber erst einmal klicke ich mich weiter durch…

„Spannende Storys über Berlin“ mit ABOUT BERLIN

About Berlin erweckt ausgewählte Orte und deren Geschichte(n) auf dem Smartphone zum Leben. Das Ziel ist es, „Geschichte zum Anfassen, bewegende Geschichten und unbekannte Seiten von Politik, Gesellschaft und Historie aus verschiedenen Zeitabschnitten“ zu erzählen. Hinter der App steht Berlins offizielle Tourismusorganisation visitBerlin. In Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) wurden über 200 bedeutsame Orte ausgewählt, die Berlins bewegende Geschichte beleuchten und von Historiker*innen und Journalist*innen recherchiert und geschrieben wurden. Praktisch für Menschen, die mit wenig Datenvolumen auf ihrem Telefon auskommen, ist die Möglichkeit der Offline-Nutzung. Bilder und Karten können vor dem Spaziergang bequem zu Hause installiert werden.

Die Geisterbahnhöfe finde ich auch bei ABOUT BERLIN wieder. Thematisch ist die App querbeet aufgestellt. Jeder und jede Berlinbesucher*in und auch Einheimische sollten etwas für sich finden. Im Angebot ist bereits eine Vielzahl thematischer Touren. Die Spannweite der Rundgänge reicht von Vergnügungskultur im Kreuzberg der 1920er Jahre über NS-Täterorte bis hin zu einer Tour mit dem Titel „30 Jahre Friedliche Revolution“. Für jede Tour sind die Dauer, die einzelnen Stationen sowie die Streckenlänge hinterlegt. Mindestens der nächste und übernächste Familienbesuch sind mit About Berlin jetzt also auch abgesichert. Wenn die Familie es etwas individueller mag, kann man mit einer „Favoriten“-Option eine eigene Liste anlegen und individuelle Touren zusammenstellen.

Ehemaliges Wohnhaus von Wolf Biermann in der Chausseestraße 131, Oktober 2019 © & Foto: Sara Stammnitz
Blick auf die Zionskirche am gleichnamigen Platz, Oktober 2019 © & Foto: Sara Stammnitz
Farbrelikte der Umweltbibliothek, Treffpunkt für Oppositionsgruppen der DDR in der Zionskirche in Ost-Berlin © & Foto: Sara Stammnitz
Die Gethsemanekirche. Sammelpunkt für Oppositionelle und die Friedensbewegung in Ost-Berlin © & Foto: Sara Stammnitz
Der Innenraum der Gethsemanekirche im Oktober 2019 © & Foto: Sara Stammnitz

About Berlin setzt auf Multimedialität. Damit beim gemeinsamen Erlebnis nicht alle auf ihr eigenes Smartphone starren oder dem Großvater alles vorgelesen werden muss, gibt es viele Stationen auch als Audioversion oder es ist sogar ein zusätzlicher Videobeitrag hinterlegt.
Die eigene Tour oder einzelne Orte oder Geschichten können auch in dieser App über eine Karte angesteuert werden. Wen aber spannende Titel oder (un)bekannte Orte mehr ansprechen, der kann seine Tour über entsprechende Auswahloptionen zusammenstellen, wählt über eine Liste nur einzelne Orte an oder sucht diese gezielt über eine Suchfunktion.

Ich beende meine Geschichtsstunde, indem ich mir für den nächsten sonnigen Nachmittag eine kleine Tour namens Ost-Berlin zusammenstelle, und nippe an meinem Tee, während es draußen immer noch regnet. Bei meinem Spaziergang wenige Tage später entdecke ich ein großes, aber unscheinbares Haus in der Chausseestraße. Es ist das ehemalige Wohnhaus des Liedermachers Wolf Biermann, der dort heimlich und trotz Publikationsverbotes sein Album Chausseestraße 131 aufnahm, das später nur im Westen veröffentlicht wurde. Außerdem verschlägt es mich unter anderem in zwei Kirchen, die Treffpunkt für oppositionelle Gruppen in der DDR waren und spannende Spuren zum Vorschein bringen.

Historisches Straßenschild am Kollwitzplatz, dem Mittelpunkt des sogenannten „Kollwitzkiezes“, Oktober 2019 © & Foto: Sara Stammnitz
Sanierter Altbau am Kollwitzplatz, Oktober 2019 © & Foto: Sara Stammnitz

Zum Abschluss radle ich am Kollwitzplatz vorbei, der viel zu erzählen hat. In Vorbereitung der 750-Jahr-Feier Ost-Berlins wurden 1987 einige der anliegenden Straßen im Rahmen eines Sanierungsplans nach historischem Vorbild rekonstruiert. Die Nachbarschaft rund um den Platz ist heute zu einem der teuersten Pflaster auf dem Berliner Wohnungsmarkt avanciert.