Mode in Ost-Berlin

Langweilig oder kreativ? Gab es eine Mode oder war alles vom Alltag bestimmt?

Frauen auf dem Laufsteg einer Modenschau, Stadtbezirksfest
Stadtbezirksfest – Modenschau, Prenzlauer Berg um 1989 © Archiv des Museums Pankow | Foto: Uwe Klemens

Die DDR will sich nach ihrer Gründung 1949 in vielerlei Hinsicht vom westlichen Nachbarn unterscheiden. So auch in der Mode. Das ist in der Nachkriegszeit schwer umzusetzen, denn es fehlt an vielem und vor allem an Produktionsstätten. Männer und Frauen beteiligen sich am Wiederaufbau. Die Mode ist einfach und zweckmäßig. Eine Jugendmode gibt es nicht. Die Kinder tragen das, was auch Erwachsene tragen.

Modenschau vor dem HO-Kaufhaus in der Prenzlauer Allee
Modenschau vor dem HO-Kaufhaus in der Prenzlauer Allee, 1954 © Archiv des Museums Pankow | Foto: Willy Jacobson

Ein Zeitzeuge dieser Anfangszeit und der folgenden Jahre ist Claus Jaeckel (geb. 1948 in Berlin-Mitte), dem ich einige Fragen stellen konnte.

War Mode in Deiner Kindheit ein Thema?

„Nein, viel mehr war man damit beschäftigt, dass das Haus warm war oder man genug zu essen hatte. Dennoch war es das Größte für mich, für ein paar Groschen im Westteil der Stadt in ein Kino zu gehen und mir die Werbung anzuschauen.

Aus Erzählungen meiner Eltern weiß ich, dass Stoffe Mangelware waren. Meine Mutter nähte viel selbst, zum Beispiel aus einer Wolldecke einen Mantel oder aus Soldatenkleidung Hosen für mich. Mode waren „Knickebocker“. Die Frau des Bruders meiner Mutter nähte sich aus einem Fallschirm eine Bluse und war sehr stolz darauf. Diese wurde nur an Feiertagen angezogen. Eigentlich wurde immer nur an Feiertagen das Beste, was man hatte, angezogen und sehr gehütet.

Als Kind trug ich meistens kurze Lederhosen. Die waren sehr praktisch. Mädchen zogen einfache Kleider an, auch aus Resten zusammengenäht, und Strumpfhalter. Strumpfhosen in diesem Sinne gab es für kleine Mädchen noch nicht.“

Ab wann hast Du Dich für Mode interessiert?

„Als ich heimlich die Rolling Stones und Janis Choplin für mich entdeckte. Man konnte im Ostteil der Stadt Westradio hören. Nicht erwünscht, aber es tat jeder. Die Siebziger Jahre waren meine Zeit. Ich trug lange Haare und einen Backenbart, hohe Lederschuhe und Schlaghosen aus Stoff. Der Bruder meiner Mutter ist damals im Westteil der Stadt geblieben und von da aus nach Saarbrücken gezogen. Ich habe eine Lederjacke von dort geschenkt bekommen, welche ich sehr hütete. Mit meiner alten Java machte diese Lederjacke meine Art „Mode“ komplett.

Mädchen, die sich modisch kleiden wollten, schnitten einfach einen langen Rock ab und trugen den angesagten, aber verpönten Minirock.

Die Mode der Siebziger nannte meine Mutter immer Faschingsmode. Die kurzen Hosen meiner Freundinnen fanden meine Eltern beschämend. Meine erste Jeans oder Hose aus jeansähnlichem Stoff kaufte ich mir 1973 in einem Textilgeschäft, aber ich glaube, sie kamen aus Ungarn. Ich nenne Jeans bis heute noch "Niethose".

Meine Mutter strickte viel nach Vorlagen aus Modezeitungen. Strick war in der DDR sehr angesagt.“

Die 1970er Jahre

Typisch sind Schlaghosen, hohe Schuhe, weite Kleider und das alles sehr bunt. Die Mode unterscheidet sich nicht sehr deutlich von der im Westen. Im Sommer gehört der Bikini an Frauen langsam zum Allgemeinbild. Hot Pants heißen im Osten „heiße Höschen“.

Es gibt viele folkloristische Anregungen, wie beispielsweise Pluderhosen. Die meisten Stoffe sind aus sogenanntem Dederon (Kunstfaser).

Die 1980er Jahre

Die Jeans wird alltagstauglich. Die 1980er Jahre sind geprägt von Sendungen aus dem Westfernsehen, wie zum Beispiel Denver Clan und Dallas. Es ist mehr Geld für „Mode“ übrig und es wird auch mal in Boutiquen oder Exquisitläden eingekauft. Nachgeschneidert wird nach wie vor.

Der Fokus des Staates richtet sich nun vermehrt auf die Jugend, denn die Jugend drängt nach Veränderung.

Eine Zeitzeugin dieser Zeit ist Ramona Löffler (geb. 1971 in Berlin). Auch ihr konnte ich einige Fragen stellen.

Wann hast Du das erste Mal über Mode nachgedacht?

„Ich glaube, als ich so einen Spaß daran hatte, aus einer Kinderzeitung Frösi die kleinen Papierpuppen auszuschneiden und sie mit Papierkleidung anzuziehen. Das war das erste Mal, wo ich mich mit Farben und Mode beschäftigte. Oder vielleicht, als meine Oma mir mit viel Freude eine selbstgestrickte Stola schenkte, ein Schultertuch aus Wolle. Ich war 10 Jahre alt und fand diese Stola wirklich hässlich.“

Klassenfoto auf Ost-Berlin 1982
Mode der Schulmädchen in Ost-Berlin 1982 mit Zeitzeugin Ramona Löffler © Stadtmuseum Berlin

Wie empfandst Du die Kleidung Deiner Eltern zu dieser Zeit?

„Ich habe mir zu dieser Zeit keine Gedanken darum gemacht. Heute betrachtet denke ich, dass beide ziemlich besonders gekleidet waren. Mein Vater fuhr Motorrad. Wenn sie beide ausgingen, also zum Betriebsfest, dann fand ich beide schon sehr schick. Meine Mutter hatte blondgefärbtes langes Haar und mit Lockenwickler gedrehte große Locken und immer Minirock oder enge Hosenanzüge, hohe Schuhe. Und mein Vater hatte diesen typischen Backenbart und Stoffschlaghosen mit Polohemd und sehr spitzem Kragen. Oder später eine Jeans. Ansonsten war die Kleidung alltagstauglich.“

Wie sah es im Alltag bei Dir in der Schule aus?

„Ich hatte ganz normale, der Jahreszeit entsprechende Kleidung an. Jeden Sonnabend gab es einen Fahnenappell in der Schule - "22. POS Dr. Theodor Neubauer". Zu diesem Appell trug man, je nachdem wie alt man war, ein blaues oder rotes Halstuch mit weißer Bluse oder FDJ-Bluse. Ich empfand das als normal und es störte mich nicht weiter. Aber natürlich war man ein wenig neidisch auf Mitschüler, die Westkleidung anhatten.“

Pionierkleidung zum Fahnenappell
Pionierkleidung zum Fahnenappell © Stadtmuseum Berlin

In der DDR wurde das Thema Jugendweihe großgeschrieben. Bei Dir auch? Was hast Du getragen?

„Ich war sehr aufgeregt, endlich erwachsen zu werden und auch darüber, was ich anziehen sollte: Hose? Rock? Es war 1984, ein halbes Jahr vor dem Termin kamen Mitarbeiter des Modeinstituts der DDR (Eckhaus Brunnenstraße) und suchten sich für die kommende Jugendweihe „Modelle“ unter den Schülern aus. Ich wurde auch gefragt, aber leider gaben meine Eltern nicht ihre Zustimmung dafür. Ich war sehr traurig, war das doch die Chance auf ein einmaliges Stück Mode.

So suchten meine Mutter und ich in einem Jugendmodegeschäft in der Brüderstraße in Berlin-Mitte nach etwas Passendem. Viel Auswahl gab es nicht, aber es war dennoch ausreichend. Ich trug eine weiße Hose mit Karottenschnitt und eine weiße Bluse mit lila Streifen. Dazu schwarze Lackschuhe. Beides zog ich später noch gern an, was meinen Eltern wichtig war.“

Ramona Löffler 1984
Ramona Löffler 1984 © Stadtmuseum Berlin

Empfandst Du es als schwierig, Dich modebewusst zu kleiden, und stimmt es, dass in der DDR viel selbst genäht wurde?

„(...) ich weiß nicht so richtig. Alles, was aus dem Westen kam, war besonders toll.
In der 8. Klasse gehörte zum normalen Unterricht, dass man in einem Betrieb arbeitete, sogenannter PA-Unterricht. Ich hatte diesen bei Goldpunkt in der Erich-Weinert-Straße – einem Schuhhersteller. Wir verpackten dort wunderschöne hochhackige Schuhe namens Salamander. Später erfuhr ich, dass diese nur für den Westen produziert wurden. Aber die waren wirklich schick. Wir haben nicht so nachgedacht, ob es schwierig war, sich modebewusst zu kleiden.

Wir hörten Billy Idol, also versuchten wir, alles irgendwie so hinzubekommen, um uns halbwegs mit seinem Aussehen zu identifizieren. Ebenso die Nena- und die Depeche Mode-Hörer.

Es wurde viel gebastelt und genäht, das stimmt. Ich erinnere mich daran, dass ich eine weiße Judojacke –  gekauft in einem Sportgeschäft auf der Schönhauser Allee, ich glaube, da ist jetzt eine Starbucks-Filiale drin – rosa färbte und diese als ganz normale Jacke trug. Dazu zog ich eine Rifle-Jeans aus dem Westen und Ringerstiefel an. Und mein Look war perfekt. Es gab Baumwollwindeln, welche wir uns färbten. Fleischerhemden, die wir privat anzogen. Aus alten Stoffhosen meines Großvaters nähte ich mir per Hand einen Rock. Der war so toll mit Nadelstreifen und keiner hatte etwas Ähnliches – sehr zum Schrecken meiner Oma.

Mein Vater nähte mir aus alten Laken Oberteile, welche schulterfrei beziehungsweise quer über die Schulter zusammengebunden wurden, dann noch lila gefärbt und fertig. Er musste für meine Freundinnen auch welche nähen. So toll waren die. Wir bastelten Ohrringe aus Perlen und Federn oder aus durchsichtigen Gummischläuchen Armreifen. Wir färbten uns die Haare mit Blaupapier oder benutzten Zuckerwasser, um Struktur ins Haar zu bekommen, oder wir nahmen Seife.“

Kannst Du dich an diese Kittelschürze erinnern, die laut Aussagen viele in der DDR trugen?

„(...) ja, ich bin damit groß geworden. Alle weiblichen Mitglieder meiner Familie trugen diese Schürze in ihrer Freizeit, an den Wochenenden, im Garten oder mal schnell auf dem Weg zum Konsum oder Bäcker im Sommer, im Winter trug man sie drunter.
Ich denke, sie war sehr praktisch für Haushalt, Kind und Garten. Bei den Männern war es im Sommer das Turnhemd und so eine kurze Sporthose. So war das eben.“

Prägte Dich und Deine Mode die Nähe zum Westen, da Du ja in Ost-Berlin wohntest?

„(...) ich kann das nicht so sagen. Wir lebten ja nicht hinter dem Mond, aber ja, vielleicht waren wir dem Einfluss mehr ausgesetzt als andere. Wir hörten Westradio oder Westfernsehen, was ja in vielen anderen Teilen der DDR nicht möglich war. Ich konnte sogar durch einen Schulkameraden heimlich die Bravo lesen.

Wir hatten auch Schulterpolster beziehungsweise den Achtziger-Jahre-Look in der DDR. Was im Westen Mode war, war auch im Osten Mode. Jedenfalls in Berlin. Musik machte viel mit uns und unserer Mode. Der Punkrock kam auch in den Osten und damit auch die Möglichkeit, das System zu hinterfragen, zu zeigen, „wir sind anders“. Einige machten Nena nach, andere Dave Gahan von Depeche Mode. Wir zogen uns schwarz an, ich hatte eine enge weiß-schwarz gestreifte Hose an. Immer! Die Haare waren hochtoupiert und Sicherheitsnadeln im Ohr. Lederjacke. Der Alex war unser Treffpunkt.

Die DDR merkte, dass sie was für die Jugend tun musste und somit kam eine Pflegeserie mit allem Drum und Dran auf den Markt. Glitzerlippenstifte, Nagelacke in vielen Farben, Haarspray. Die Serie hieß Action und roch nach schwarzer Johannisbeere.

Um 1985 folgte eine Jeanskreation auf dem Markt – blau mit schwarzen Streifen oder im Leopardenlook. Bei uns beliebt, aber man musste Glück haben, diese im Warenhaus zu finden.
Ich empfand es nicht so, dass ich etwas vermisste. So wie ich groß geworden bin, war es genau richtig. Zu einer anderen Zeit sähe es bestimmt anders aus.“

Alles in allem ist die Mode in der DDR viel erfinderischer und vielleicht auch einfacher als heute, aber nie langweiliger. Jede Jugend in allen Jahrzehnten hinterlässt in der Mode ihre Spuren, so auch in der DDR.

Die Autorin Maida ist Schülerin der 12. Klasse am Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Berlin und nahm am Kooperationsprojekt „Greifswalder Straße“ teil.