Kinderbuch „Frederic“

Cover des Kinderbuches „Frederic“
Cover des Kinderbuches „Frederic“ © & Foto: Sandra Starke

Vor einigen Monaten kaufte ich auf dem Flohmarkt einer Kita das Kinderbuch Frederic für meine Töchter. Das Buch ist im Kinderbuchverlag Berlin 1987 erschienen. Die Erstauflage schon 1973, nur vier Jahre nach Inbetriebnahme des neuen architektonischen Prestigeprojektes der DDR, dem Ost-Berliner Fernsehturm, der noch heute das höchste Gebäude Deutschlands ist. Der Autor Peter Abraham war einer der erfolgreichsten und renommiertesten Kinderbuchautoren der DDR.  Sein Jugendbuch Das Schulgespenst wurde verfilmt und gehört zu den DEFA-Kinderfilmklassikern. Abraham war auch als Dramaturg, Drehbuchautor und Theaterkritiker tätig.

Das Buch handelt von einem Lenkdrachen namens Frederic, den die Kinder Gerti und Alf zusammen mit Onkel Spatz gebaut haben und der ihnen entwischt. Er fliegt durch ganz Ost-Berlin, zunächst an die Regattastrecke in Berlin-Grünau, dann über den Vergnügungspark Plänterwald, das Kraftwerk Klingenberg, die Karl-Marx-Allee, den Alexanderplatz, das Rote Rathaus, das Staatsratsgebäude, die Neue Wache und schließlich zum Fernsehturm. Der Drache fliegt also in einer Art Sightseeing-Tour aus der Vogelperspektive durch die Hauptstadt der Republik. Immer auf Fahrrädern hinter ihm her sind die Kinder und Onkel Spatz, der eine untypische DDR-Berufsbiographie hat: Zirkusartist, Dachdecker, Feuerwehrmann und Radrennfahrer. Ost-Berlin präsentiert sich dabei selbstbewusst, bunt und kinderfreundlich, aber auch weltoffen, wie die Autokennzeichen F (Frankreich), ET (Ägypten), CS (Tschechoslowakei) und PL (Polen) der parkenden Fahrzeuge auf dem Mittelstreifen des Boulevards Unter den Linden gegenüber der Neuen Wache belegen sollen.

Autos mit verschiedenen Länderkennzeichen vor der Neuen Wache
Autos mit verschiedenen Länderkennzeichen vor der Neuen Wache © & Foto: Sandra Starke

Auch die Solidarität mit dem Brudervolk in Vietnam wird aus der Luft wahrgenommen: Vor dem Staatsratsgebäude steht eine Gruppe „Vietnam-Kinder“. „Was wollen die hier? fragt sich Frederic. Die Kinder sind gekommen, um sich für die neue Schule zu bedanken, die ihnen unsere Republik geschenkt hat.“ Gerti, Alf und Onkel Spatz werden hier als aktive Bürger gezeigt, sie „…haben tüchtig mitgeholfen, das Geld zu sammeln.“

Szene mit vietnamesischen Kindern als Zeichen der Solidarität mit dem Bruderstaat Vietnam
Szene mit vietnamesischen Kindern als Zeichen der Solidarität mit dem Bruderstaat Vietnam © & Foto: Sandra Starke

Das Ende der Geschichte: Mit Hilfe von Volkspolizei und Feuerwehrmännern gelingt es, den Drachen ausgerechnet auf der Turmkugel des Fernsehturms einzufangen – oder „zu retten“. Anschließend wird gemeinsam Eis im „Drehkaffee“ des Fernsehturmes gegessen. Dazu passt die Überblicksperspektive des gesamten Buches auf die Sehenswürdigkeiten und baulichen DDR-Errungenschaften, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht wirken. Ein zeithistorisches Stadterkundungsbuch mit Wiedererkennungswert der markanten Ost-Berliner Gebäude, das die offizielle Selbstsicht der „jungen Hauptstadt“ für Kinder erzählt, reduziert auf wenige zentrale politische Schlagworte. Kurios ist das Fazit aber doch: Der Drache gerät plötzlich selbst zur Erkenntnis, dass es „in unserer Stadt (…) nicht nur interessante Häuser, Türme und Parks (gibt), es gibt auch viele mutige, fleißige Kinder und Erwachsene.“

Dieses Buch wäre für meine eigenen Eltern ein fast undenkbarer Kauf, obwohl ich in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren aufgewachsen bin. Das wäre ungefähr so, als wenn sie hätten zugeben müssen, noch an den Weihnachtsmann zu glauben. Das Land, in dem wir lebten, wurde im Alltag eher ausgeblendet, gerade weil man sich seiner Kulissenhaftigkeit in Bezug auf staatliche Symbolik und sozialistische Propaganda sehr wohl bewusst war. Doch warum habe ich das mir bis dato unbekannte Kinderbuch gekauft? Ich war einfach neugierig, welche Fragen meine Töchter mir zu dem Buch und über das untergegangene Land DDR stellen würden. Bis jetzt haben sie noch keine Ungereimtheiten entdeckt.

Drache Frederic über den Dächern Ost-Berlins © & Foto: Sandra Starke
Drache Frederic wird „gerettet“ © & Foto: Sandra Starke
Abschlussszene des Buchs im „Drehkaffee“ des Fernsehturms © & Foto: Sandra Starke