Interview zur Ausstellung: Ost-Berliner Fundstücke in Potsdam

Zwei Ausstellungen aus dem Jahr 1989 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) in Potsdam

Ausstellungstafeln in einem Museumsdepot im Oderbruch
Ausstellungstafeln der Ausstellung „40 Jahre DDR-Hauptstadt Berlin“, aufgefunden in einem Museumsdepot im Oderbruch. In der Mitte ist das Kaufhaus am Prerower Platz abgebildet © & Foto: Thomas Wernicke, 2016

Im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) werden noch bis zum 23. Juni 2019 zwei historische Ausstellungen aus dem Jahr 1989 gezeigt. Die eine ist ein Teil der offiziellen Ausstellung des Ost-Berliner Magistrats mit dem Titel „40 Jahre DDR-Hauptstadt Berlin“, die im Rahmen der „Berliner Tage“ im Sommer 1989 in Moskau gezeigt wurde. Die andere ist die Ausstellung „Suchet der Stadt Bestes. Über die Rekonstruktion der 2. Stadterweiterung in Potsdam“, die von engagierten Potsdamer Bürgern erstellt wurde und vom 10. September bis 8. Oktober 1989 in der Potsdamer Nikolaikirche mit viel Resonanz gezeigt worden war.

Beide Ausstellungen in einem Raum vermitteln Momentaufnahmen vom letzten Jahr der DDR aus zwei ganz unterschiedlichen politischen Perspektiven. Im Interview mit dem Kurator Thomas Wernicke sprach ich über die Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Hintergründe beider Ausstellungen und über die Wohnungsbaupolitik der späten DDR sowie deren heutiges städtebauliches Erbe in Berlin und Potsdam.

Herr Wernicke, wie kam es zur Idee, diese zwei völlig unterschiedlichen Ausstellungen aus dem Jahr 1989 gemeinsam zu präsentieren?
Zuerst kamen die Protagonisten dieser Potsdamer Ausstellung auf uns zu und fragten, ob es nicht eine Gelegenheit gäbe, hier im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte im 1989er-Jubiläumsjahr diese Ausstellung erneut zu zeigen. Auf die andere Ausstellung wurden wir durch einen Mitarbeiter aufmerksam. Er hatte die Bildertafeln 2016 in einem Museumsdepot in Altranft entdeckt. Durch die Bildmotive der rund 50 großformatigen Holztafeln mit russischer Beschriftung wussten wir anfangs nur, dass es sich um eine Berlin-Ausstellung handelte. Ich habe dann herausbekommen, dass dies eine Bilderschau war, die im Juni 1989 zu den „Berliner Tagen“ in Moskau gezeigt wurde und nochmal die ganz große Schau der Hauptstadt gewesen war. Die wollten wir zeigen, als ein Zeugnis des gleichen Jahres. Zusammen mit den Initiatoren der Potsdamer Ausstellung, Michael Heinroth und Michael Zajonz, habe ich letztlich diese Ausstellung „Fundstücke aus Brandenburg – zwei Ausstellungen aus dem Jahr 1989“ ausgearbeitet.

Blick in die Ausstellung
Ein Stuckornament und Fotos der Fassaden der Dortustraße 68 in Potsdam vor der Bildtafel des Bersarinplatzes in Ost-Berlin © & Foto: Florentine Schmidtmann

Was verbindet die beiden Ausstellungen über das Jahr 1989 hinaus?
Wir haben versucht, Gemeinsames zu erzählen, und das ist die SED-Sozialpolitik. Deren Kern war das Wohnungsbauprogramm. Die einen erzählen das ganz aus der positivistischen Sicht der Initiatoren und die anderen erzählen das aus der anderen Blickrichtung, nämlich welche Folgen hatte das eigentlich alles für die Bauwirtschaft, für den Städtebau und so weiter. Potsdamer Bürger haben eine Ausstellung für die Rettung ihrer Altstadt gefertigt. Nachdem sich keine Kultureinrichtung in Potsdam traute, diese Tafeln auszustellen, öffnete schließlich die Nikolaigemeinde ihren Ausstellungsraum am Alten Markt. Innerhalb eines Monats kamen über 10.000 Besucherinnen und Besucher, die damit ein Signal gegen die Zerstörung der Altbausubstanzen setzten. Auch in Berlin gab es Initiativen, die sich im Herbst 1989 mit ähnlichen Themen beschäftigten. Als Beispiel wird der Kampf zum Erhalt der Mulackstraße in der Spandauer Vorstadt aufgegriffen.

Welche städtebaulichen Unterschiede gab es zu der Zeit zwischen Potsdam und Berlin?
Ost-Berlin ist eben die geförderte Hauptstadt. Das heißt, alle Bezirksstädte mussten Teile ihrer Wohnungsbaukombinate nach Berlin schicken. Seit einem Politbürobeschluss von 1984 hieß es, dass als Erstes in Berlin das Wohnungsbauprogramm erfüllt wird, und das hatte natürlich für die ganze DDR Folgen: Die Wohnungsbauversprechen verschoben sich in der Provinz quasi um einen ganzen Fünfjahrplan nach hinten, weil man zunächst die Kapazitäten nach Berlin abzog. Das war die Vorzeigestadt. Aus Sicht der Provinz führte das schnell zu Vorwürfen. Das Wohnungsbauprogramm, das den massiven Bau von Plattenbauten gegenüber der Erhaltung von Bausubstanz vorsah, brachte aber auch viele Gegenstimmen in der Bevölkerung auf den Plan. Das passierte in Potsdam wie auch in Berlin und es wurde gesagt: „Wir können doch jetzt die ganze Stadt abreißen und überall werden dann nur noch die Plattenbauten gebaut, was ist mit der Identität und der Geschichte der Stadt?“

Originale Tafel der Potsdamer Ausstellung
Originale Tafel der Potsdamer Ausstellung © & Foto: Michael Heinroth, 2019

Das Thema Bauen ist ja immer noch ein sehr brisantes Thema in Potsdam. Aktuell steht nun der Umgang mit dem DDR-Bauerbe zur Diskussion, wie das Rechenzentrum oder die bereits abgerissene Fachhochschule. Ist das Anliegen der Potsdamer Ausstellung, die Altsubstanzen zu erhalten, denn für Potsdam gelungen?
Ja, das ist total gelungen. Dafür ist heute eine ganz andere Situation entstanden, die es so in der Stadtgeschichte noch nie gab, nämlich eine vollständig durchsanierte Stadt. Und das in so einem kurzen Zeitraum von 30 Jahren. Dabei stellt sich heute eine andere Frage: Wem gehört das jetzt eigentlich alles? Es gab nach 1990 Altbesitz, Erben und es gab natürlich auch noch Potsdamer, die einzelne Häuser besessen haben. Die Eigentumsstruktur hat sich total verändert, aber die äußere Ansicht ist ja mehr als gelungen, es ist wirklich durchsaniert bis auf einzelne wenige Häuser. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass ich das so erlebe. So dachten wir gar nicht 1989/90.

Der Kurator Thomas Wernicke im Ausstellungsraum des Kutschstalls
Der Kurator Thomas Wernicke im Ausstellungsraum des Kutschstalls © & Foto: Florentine Schmidtmann

Beide Ausstellungen sind nicht nur von ganz unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren erstellt worden, sondern unterscheiden sich auch offensichtlich in der Machart. Wie gehen Sie als Kurator damit um?
Die Potsdamer Ausstellung ist richtig Handarbeit. Die Texte sind mit der Hand geschrieben, die Skizzen sind handgezeichnet – aber das macht sie ja auch so wertvoll. Man sieht, wie gut die Qualität der Fotos ist, weil sie handabgezogen, handgewässert, handfixiert sind (lacht). Außerdem ist die Ausstellung komplett erhalten und gut eingelagert worden, es ist so, als ob sie da gestern schon hing, dabei ist sie 30 Jahre alt. Die Berliner Ausstellung dagegen ist richtig von „Profis“ gemacht worden, von der DEWAG (Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft), dem Monopolbetrieb in der DDR für Ausstellungsbau und alle öffentliche Werbung und Propaganda – ein Parteibetrieb. Die Platten haben in den 30 Jahren etwas gelitten, unter der Einlagerung und vor allem natürlich durch das Licht, sodass diese ganzen Farbfotos einen einheitlichen rosa Stich bekommen haben. Ansonsten sind sie eigentlich noch erstaunlich gut erhalten.
Zusammen mit den Grafikern kam die Idee, einzelne Kuben aus den Resten der erhaltenen Tafeln zu bauen, und dann die Ausstellungen beidseitig zu präsentieren. Also außen die Potsdamer und innen die Berliner Ausstellung, soweit sie noch Zusammenhänge haben. Das sind ja alles Tafeln, die nicht wegen ihres Inhalts gesammelt worden sind, sondern weil der Museumsmitarbeiter im Oderbruch sie für etwas verbauen wollte. Und wahrscheinlich hat er die einfach nacheinander vom Stapel genommen.

Für welchen Zweck wurden die Platten ursprünglich aufgehoben?
Das hat uns unser Kollege nicht verraten, für was er das eigentlich mal haben wollte. Keine Ahnung, ob er auch Ausstellungswände daraus bauen wollte, oder Ähnliches. Wir dürfen nicht vergessen, dass es nur ein ganz, ganz kleiner Teil ist, den wir hier sehen. Es sind weit über 1.000 solcher Platten hergestellt worden für diese eine Ausstellung.

Das offizielle Plakat der Ausstellung „40 Jahre DDR-Hauptstadt Berlin“ in Moskau
Links: Das offizielle Plakat der Ausstellung „40 Jahre DDR-Hauptstadt Berlin“ in Moskau © & Foto: © & Foto: Florentine Schmidtmann

Was kann ich mir unter den „Berliner Tagen“ vorstellen?
Das fußt auf der Städtepartnerschaft zwischen Ost-Berlin und Moskau, heute ist es auch Gesamt-Berlin und Moskau. Da hat es regelmäßig die „Moskauer Tage“ in Ost-Berlin und die „Berliner Tage“ in Moskau gegeben. Die Ausstellung zu den „Berliner Tagen“ 1989 wurde in der Halle 3 im Moskauer Stadtteil Ostankino auf 12.000 qm gezeigt. Im offiziellen Programm heißt es: „Eine Ausstellung, die zeigt, wie die Berliner arbeiten und leben“. Dort ist ein ganzes Ausstellungssystem verbaut worden, wir zeigen hier ja nur diese Tafeln, die noch übrig geblieben sind. Es gab auch vier Tage lang einen Berliner Markt, dann hatte man noch große Konzerte. Die Rockgruppe „Silly“ trat beispielsweise zweimal im Gorki-Park auf, ansonsten war die ganze Unterhaltungskunst der DDR vertreten.

Und wie war die Resonanz auf dieses Kulturprogramm?
Ein russischer Kollege recherchierte für uns in russischen Archiven und Bibliotheken und ich im Berliner Landesarchiv. Dort fand ich auch die Rohübersetzungen aus dem Gästebuch. Vor dem Hintergrund der von Auflösungserscheinungen und Mangelwirtschaft geprägten Sowjetunion wurde Ost-Berlin als Erfolgsmodell der Sozial- und Wirtschaftspolitik der DDR dargestellt. Das entsprach natürlich zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr der Realität. Die Besucher in Moskau zeigten sich in den Kommentaren des Gästebuchs beeindruckt von der „sozialistischen Leistungsschau“. Im Rahmen meiner Recherche hatte ich außerdem mit dem stellvertretenden Chefarchitekten von Ost-Berlin gesprochen. Er hatte mir sein Arbeitsbuch mit den ganzen Eintragungen der vielen Sitzungen gezeigt und über den Prozess der Planung gesprochen. Das musste alles sehr schnell gehen: Januar, Februar, März, und ab Ende März hat man schon gebaut. Die Herausforderung war aber sicher nicht das Geld, sondern die anderen Ressourcen. Es ging dann zum Beispiel um 12.000 qm Auslegware. Der volkseigene Handel in Ost-Berlin stellte der DEWAG 20 Gebrauchswerber, wie man damals sagte, die bei der Herstellung dieser Tafeln halfen – das ist alles Manufaktur-Arbeit, und vom Ost-Berliner Magistrat kamen Arbeiter aus den Stadtbaubetrieben, die dann die Ausstellung in Moskau auf- und abgebaut haben. Es drehte sich also immer wieder um die Hauptstadt und ihre besonderen Bedingungen und die typische Frage in der DDR: Ich brauche Arbeitskräfte, ich brauche Material, woher nehme ich das? Das war also die große Herausforderung. Man schloss ein Loch, indem man ein anderes tiefer riss.

Was wird nach dem Ende der Ausstellung am 23. Juni 2019 mit den Ost-Berliner Tafeln passieren?
Wir haben unsere Kollegen vom Berliner Stadtmuseum eingeladen und würden uns sehr freuen, wenn es Interesse gibt, ein paar der Tafeln als Zeitzeugnisse dieser gewaltigen Ausstellung aufzuheben.

Fundstücke aus Brandenburg – zwei Ausstellungen aus dem Jahr 1989, Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Am Neuen Markt 9, 14467 Potsdam.

Das HBPG bietet Begleitveranstaltungen zur Ausstellung „Fundstücke“ an, wie zum Beispiel einen Vortrag am 15. Mai um 18 Uhr über den Depotfund der Ausstellung „40 Jahre DDR-Hauptstadt Berlin“. Weitere Informationen unter: https://www.hbpg.de/ausstellungen/fundstuecke1989.html

Der Freundeskreis des Potsdam Museums veranstaltet in diesem Jahr eine Gesprächsreihe mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zum Thema „Friedliche Revolution in Potsdam 1989“. Der nächste Termin findet am 6. Juni 2019 um 19 Uhr im Potsdam Museum statt und beschäftigt sich mit dem Pfingstbergfest 1989 und weiteren Initiativen zur Rettung historischer Bausubstanz. Weitere Informationen unter: https://wirtragen.org/fr30/