Im Volvo von Mitte nach Wandlitz

Fassadenansicht der Wohnhäuser in der Greifswalder Straße 15-19, 1979
Fassadenansicht der Wohnhäuser in der Greifswalder Straße 15-19, 1979 © Archiv des Museums Pankow | Foto: unbekannt

Ein Morgen in Ost-Berlin wie so viele andere auch. Der ganze Verkehr steht still. Alle Ampeln stehen auf Rot, damit der Vorsitzende des Staatsrats Erich Honecker und andere SED-Spitzenfunktionäre von ihrer abgeschirmten Wohnsiedlung in Wandlitz zur Arbeit ins Zentrum Ost-Berlins fahren können. An einer Kreuzung steht ein Volkspolizist, der den ganzen Tag auf einen Funkruf wartet, um seines Amtes walten zu können – nämlich den Verkehr auf den Straßen still zu legen.

Die Führungsspitze

Das Politbüro besteht aus höchstens 20 Mitgliedern, die aus den Reihen des Zentralkomitees der SED gewählt werden. Alle Sekretäre des Komitees, die für unterschiedliche Sachgebiete zuständig sind, gehören automatisch zum Politbüro, somit auch Erich Honecker in seiner Position als Generalsekretär, der die oberste Entscheidungsgewalt hat. Die Mitglieder treffen sich jeden Dienstag, um bei ihren Tagungen Beschlüsse zu fassen, welche im Anschluss von der Regierung beziehungsweise dem Ministerrat umgesetzt werden.

Regierungsdelegation (u. a. Erich Honecker) bei einer Baustellenbesichtigung im Ernst-Thälmann-Park 1985
Regierungsdelegation (u. a. Erich Honecker) bei einer Baustellenbesichtigung, Ernst-Thälmann-Park 1985 © Archiv des Museums Pankow | Foto: Paul Nickel

Der Streckenverlauf

Eine der sogenannten Protokollstrecken des Politbüros verläuft von Beginn der 1960er Jahre bis Dezember 1989 über die Greifswalder Straße, die Klement-Gottwald-Allee (heutige Berliner Allee) und die Fernverkehrsstraße 2 bis zur Abfahrt Bernau/Schwanebeck und über die Autobahn bis zur Waldsiedlung Wandlitz.

Während ihrer Fahrten in der Innenstadt können die SED-Politiker sowie westdeutsche oder ausländische Politiker und Staatsgäste die schön anmutenden Gebäude mit ihren geweißten Erdgeschossen und die gepflegten Bürgersteige entlang der Greifswalder Straße betrachten, die sich äußerlich als offizielle Strecke von den umliegenden Nebenstraßen abhebt. Den Staatsmännern in ihren westeuropäischen Limousinen sollen die verfallenden Häuser, an denen der Putz bröckelt, vorenthalten werden. Das tatsächliche Leben in Ost-Berlin bekommen sie auf ihren Fahrten nie zu sehen. Der Alltag der DDR-Bürgerinnen und -Bürger bleibt ihnen fremd.

Volkspolizist auf der Kreuzung Klement-Gottwald-Allee/Buschallee, um 1980
Volkspolizist auf der Kreuzung Klement-Gottwald-Allee/Buschallee, um 1980 © Landesarchiv Berlin | Foto: Dieter Breitenborn

Warten, warten, warten...

Hinzu kommen die Wartezeiten entlang der Protokollstrecke, welche die Menschen in ihre tägliche Routine einbauen müssen – ob sie wollen oder nicht. Wenn der zuständige Volkspolizist die Ampelanlage mithilfe des Schaltkastens einmal ausgesetzt oder sich auf der Kreuzung positioniert hat, müssen sie nicht selten lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Das Ganze spielt sich hauptsächlich zur Zeit des Berufsverkehrs ab, was zu zahlreichen Verspätungen führen kann – auch von ganzen Schulklassen.

„Noch ärgerlicher als das minutenlange Warten an den gesperrten Kreuzungen dürfte der Eindruck gewesen sein, dass die SED-Funktionäre in ihren Volvos mit hohem Tempo gewissermaßen an der gesellschaftlichen Realität ihres Landes vorbeirauschten.“ (Danyel/Kimmel, 2016).

Zu enormen Wartezeiten kommt es auch auf der Autobahn. Sobald die Fahrzeuge der Funktionäre zwischen Leipzig und Berlin unterwegs sind, wird auch hier der Verkehr lahmgelegt. Die Zufahrten werden geschlossen und die Menschen werden von Polizisten auf Parkplätze und Raststätten verwiesen, um die Strecke komplett zu räumen. All das, damit die Limousinen die leer gefegte Autobahn entlangrasen können.

Fahrt des sowjetischen Kosmonauten German Titow bei seinem DDR-Besuch über die Protokollstrecke der Schönhauser Allee, 1961
Fahrt des sowjetischen Kosmonauten German Titow bei seinem DDR-Besuch über die Protokollstrecke der Schönhauser Allee, 1961 © Archiv des Museums Pankow | Foto: unbekannt

Bei Besuchen von Staatsoberhäuptern und Ehrengästen der Republik sind die Bürgerinnen und Bürger dazu angehalten, diese am Straßenrand mit Fähnchen zu empfangen und mitunter mehrere Stunden zu warten, bis die Wagen mit den winkenden Insassen vorbeifahren.

Erich Honecker gemeinsam mit den Kosmonauten Sigmund Jähn und Waleri Bykowski bei einem Staatsbesuch im Wagen in Pankow, 1978
Erich Honecker gemeinsam mit den Kosmonauten Sigmund Jähn und Waleri Bykowski bei einem Staatsbesuch im Wagen in Pankow, 1978 © Archiv des Museums Pankow | Foto: unbekannt

Die dem Politbüro sorgsam verborgene Realität des Alltags der Bürgerinnen und Bürger sollte einige Jahre später zum Ende der DDR binnen weniger Tage beitragen.


Die Autorin Josephine ist Schülerin der 12. Klasse am Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Berlin und nahm am Kooperationsprojekt „Greifswalder Straße“ teil.

Quellen