„Ick geh ma zum Konsum!“

Verstehen Sie, was das bedeutet? Wenn ja, dann kommen Sie wahrscheinlich aus der DDR oder kennen sich mit ihrer Geschichte aus.

Konsum-Lebensmittelgeschäft in der Wollankstraße in Pankow, um 1991
Konsum-Lebensmittelgeschäft in der Wollankstraße in Pankow, um 1991 © Archiv des Museums Pankow | Foto: Gisela Pruner

Die erste deutsche Konsumgenossenschaft gründet sich 1850 im sächsischen Eilenburg. Eine Warenversorgung der Mitglieder, eine demokratische Selbstverwaltung sowie eine Gewinnrückvergütung gelten als drei zentrale Prinzipien der Konsumvereine. Die Idee setzt sich durch. Während des Nationalsozialismus kommt es jedoch zur Zerschlagung der Konsumgenossenschaften. Nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 und der Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen entwickeln sich die Konsumgenossenschaften in der Sowjetischen Besatzungszone und den Zonen der Briten, Amerikaner und Franzosen unterschiedlich. Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) legt die Rolle der Konsumgenossenschaften in ihrer Besatzungszone fest. Sie sollen Lebensmittel und grundlegene Bedarfsgüter für die Bevölkerung im Groß- und Einzelhandel verteilen, die dazu notwendigen Transportkapazitäten bereitstellen und diese Güter selbst produzieren.

Ab 1949 bildet der Verband deutscher Konsumgenossenschaften (VDK) das zentrale Organ der Konsumgenossenschaften der DDR, das von Ost-Berlin aus agiert. Die Konsumgenossenschaften sind das größte nicht staatliche Einzelhandelsunternehmen in der DDR und das Gegenstück zur staatlichen Handelsorganisation (HO), dem zweiten Einzelhandelsgiganten der DDR. Die Konsumgenossenschaften verfolgen das Ziel, eine gute und bezahlbare Warenversorgung für die Bevölkerung zu gewährleisten. Dabei betreiben sie auch eine vielfältige Spanne an Gewerbeformen, darunter Lebensmittelbetriebe, Industrieanlagen und Restaurants.

Neu eröffnetes Geschäft der Konsum-Genossenschaft, Juli 1946 © Bundesarchiv (183-S74504) | Foto: Heinscher

Die Form der Genossenschaft im Einzelhandel in der DDR ist eine besondere. Sie spezialisiert sich größtenteils auf die Beschaffung und den Verkauf von Nahrungs- und Genussmitteln sowie Gegenständen des täglichen Bedarfs. Das Angebot der Konsumgenossenschaften ist hinsichtlich vieler Aspekte der HO sehr ähnlich, beispielsweise was die Waren und die Preisklasse angeht. Aber der Hauptgrund, der die Konsumgenossenschaften – abgekürzt häufig auch Konsum genannt – für die Konsumenten so attraktiv macht, ist die Konsum-Mitgliedschaft mit den damit verbundenen Vorteilen.

Die Attraktivität der Konsum-Mitgliedschaft

Die Mitgliedschaft kann man sich wie ein heutiges Abonnement vorstellen, nur mit dem Unterschied, dass man nur einmal einen festen Betrag von 50 Mark zahlen muss, um Mitglied zu werden. Wenn man einmal beigetreten ist, erhält man bei jedem Einkauf Rabattmarken. Das ist auch der Grund, weshalb in vielen Privathaushalten mindestens eine Person Konsum-Mitglied ist.

Die Rabattmarken – auch Konsum-Marken genannt – kann man im Laufe des Jahres sammeln und zum Ende jedes Jahres gegen Rückvergütung in Form von Geld eintauschen. Die Rate, die man von den gekauften Produkten zurückbekommt, beträgt am Anfang rund drei Prozent und verringert sich in den späteren Jahren auf etwa 1,6 Prozent.

Die Konsumgenossenschaften erlangen nach 1945 durch das zuvor erwähnte Vergütungssystem im Osten schnell an Popularität. Das führt dazu, dass die sie schon fünf Jahre nach der Wiederinbetriebnahme rund 20 Prozent des Einzelhandelsumsatzes der DDR ausmachen. Zu diesem Zeitpunkt gibt es schon mehr als 300 eigenständige Geschäfte allein in Ost-Berlin. In den folgenden acht Jahren wächst der Anteil der Konsumgenossenschaften auf rund 30 Prozent des Einzelhandelsumsatzes der DDR und auf mehr als 800 Verkaufsstellen in der Stadt. Die Konsumgenossenschaft hat zur Zeit der Wiedervereinigung rund 4,5 Millionen Mitglieder und besteht in abgewandelter Form noch heute.

Konsum-Spezialverkaufsstelle für Berufsbekleidung in der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee), August 1955
Konsum-Spezialverkaufsstelle für Berufsbekleidung in der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee), August 1955 © Bundesarchiv (183-32583-0004) | Foto: Hans-Günter Quaschinsky

Allein in der Greifswalder Straße in Ost-Berlin existieren zu DDR-Zeiten mehr als 60 Konsum-Geschäfte, die eine große Vielfalt von Waren, wie Elektrogeräte, Textilien, Eisenwaren und vieles mehr zum Verkauf anbieten. Davon existiert heute keines mehr unter dem Namen „Konsum“.

Allerdings besteht die Genossenschaft mit insgesamt 14 Mitarbeitern noch heute, jedoch mit dem Fokus auf der Vermietung von Handelsimmobilien. Die 20 Immobilienstandorte werden zum größten Teil von Rewe-, Netto- und Fressnapf-Märkten gemietet. Nach einer Insolvenz im Jahr 2004 sieht sich das Unternehmen wieder als saniert und plant, zu expandieren.

Der Autor Emil ist Schüler der 12. Klasse am Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Berlin und nahm am Kooperationsprojekt „Greifswalder Straße“ teil.