Ein unverhoffter Schatz vom Dachboden der Schönhauser Allee 74a

Drehorgelspieler auf dem Alexanderplatz, um 1985
Drehorgelspieler auf dem Alexanderplatz, um 1985 © & Foto: Dewag Berlin, Klaus-Peter Studré

In der Schönhauser Allee 74a firmierte bis 1978 die Drehorgelwerkstatt von Giovanni Bacigalupo (1889–1978). Doch längst sind alle Spuren der fast 100-jährigen Tradition an diesem Ort  gelöscht. Aus dem eher maroden Hofgebäude, in dem sich einst die Werkstatt befand, ist ein feines, modernisiertes  Wohnensemble geworden. Nur eine Gedenktafel am Vorderhaus erinnert noch an den damaligen Inhaber. Umso erstaunlicher ist es, dass nach Jahrzehnten noch Fundstücke aus dieser Ära auftauchen.
Der Aufruf „Mein Ost-Berlin“ regte unsere Besucherin Ilona Seyfahrth dazu an, ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Auf den Spuren der ehemaligen Drehorgelwerkstatt entdeckte sie 1987 auf dem Dachboden der Schönhauser Allee 74a Dokumente und Briefe der Firma „Bacigalupo-Söhne“ aus den 1930er und 1940er Jahren.

Cocchi, Bacigalupo & Graffigna, Schonhäuser Allee 78 mit der Belegschaft der Drehorgel-Firma um 1899 und dem Stammvater der Drehorgel-Dynastie, Giovanni Battista Bacigalupo, (1. Reihe, vierter von rechts), daneben die Söhne Luigi und Giuseppe
Belegschaft der Drehorgel-Firma, Schonhäuser Allee 78, und Stammvater der Drehorgel-Dynastie, Giovanni Battista Bacigalupo, (1. Reihe, 4. v. r.), daneben die Söhne Luigi und Giuseppe, um 1899 © Internationale Drehorgelfreunde Berlin e. V.

Giovanni Bacigalupo, Hannes genannt, war der jüngste Sohn einer international bekannten Dynastie von Drehorgelbauern. Sein Vater Giovanni Battista Bacigalupo (1847–1914) hatte bereits 1891 die renommierte Firma Chocchi, Bacigalupo & Graffigna in der Schönhauser Allee 78 mitbegründet, in der auch seine Söhne Luigi (1872–1959) und Giuseppe (1875–1921)  beschäftigt waren. Nach 1900 existierten mehrere unter ähnlichem Namen geführte Familienunternehmen in der Schönhauser Allee 74 und 79. Die unmittelbare räumliche Nähe der Produktionsstandorte zog viele Landsleute an, die in der „italienischen Kolonie“ rund um den S-Bahnhof Schönhauser Allee Arbeit fanden.
Hannes Bacigalupo führte vor allem die musikalischen Arbeiten aus, er arrangierte Musikstücke für die Drehorgel, fertigte die entsprechenden Walzen an und komponierte.
Für die Ur-Aufführung der „Dreigroschenoper“ am Berliner Ensemble 1928 richtete er im Auftrag von Bertolt Brecht und Kurt Weill ausgewählte Songs für die Drehorgel ein.

Bertolt Brecht/Kurt Weill: „Die Dreigroschenoper“, Arrangement für Drehorgel von Hannes Bacigalupo, um 1950, Handschrift, Ausschnitt
Bertolt Brecht/Kurt Weill: „Die Dreigroschenoper“, Arrangement für Drehorgel von Hannes Bacigalupo, Handschrift, Ausschnitt, um 1950 © Stadtmuseum Berlin

Der Dachbodenfund aus der Schönhauser Allee 74a gehört nun zur Sammlung des Stadtmuseums Berlin. Die Materialien sind für uns von ganz besonderem Wert, denn sie ergänzen den bereits vorhandenen Teilbestand zu diesem Thema und zu dieser letzten Werkstätte, darunter Handwerkszeug und Reste des Inventars, Notenblätter, die als Vorlage der Arrangements für Drehorgel dienten und Papier-Notenrollen. Die neuen Fundstücke belegen die vielfältige Arbeit der Firma. So wurden die Instrumente nicht nur gebaut, repariert und an Orgelspieler zum Broterwerb verliehen, sondern auch von öffentlichen Einrichtungen, wie den Berliner Theatern, genutzt. Ein beständiger Leihnehmer war die DEFA. Drehorgeln wurden in etlichen Filmproduktionen verwendet, wie 1946 in Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“. Neben Briefen verschiedener Geschäftskunden gehören auch Unterlagen dazu, die das beschwerliche Leben in den 1940er Jahren dokumentieren und somit eine kleine Geschichte des Berliner Alltags erzählen.

Giovanni Bacigalupo in seiner Werkstatt Schönhauser Allee 74a an der Zeichenmaschine, 1972 © & Foto: Ludwig Schirmer
Leihvertrag mit der DEFA für die Verwendung einer Bacigalupo-Drehorgel in der Filmproduktion „Die Mörder sind unter uns“, 1946 © Stadtmuseum Berlin