Die wichtigsten Theaterinszenierungen in Ost-Berlin

Bühne mit Schauspielern
Fotografie von Eva Kemlein, „Macbeth“ nach William Shakespeare, Volksbühne 1982 © Stadtmuseum Berlin

In den 1970er Jahren befinden sich die DDR-Theater in einem regen Umbruch. Die Öffnungsprozesse zu Beginn des Jahrzehnts geben den Anstoß für künstlerische Experimente, die Neubewertung des literarischen Kanons und das Ensembletheater. Die Berliner Bühnen verlieren viele Talente infolge der Biermann-Ausbürgerung 1976, doch gleichzeitig erhalten junge Künstler*innen die Chance für einen kreativen Aufbruch. Als ausgesprochen soziale Kunstform kommt dem Theater die Aufgabe zu, auch jene Lebensbereiche zu artikulieren, die in offiziellen Diskursen ausgegrenzt werden. Diese Verantwortung nehmen die Häuser an, indem sie Debatten zu ästhetischen und sozialen Grundsatzfragen anstoßen. Der Aufschwung der Populärkultur widmet sich dem Alltag der Menschen, wie zum Beispiel in den Arbeiten Ulrich Plenzdorfs. Gleichzeitig entwickelt sich ein artifizielles Regietheater, welches die endgültige Abkehr von der Widerspiegelungstheorie des sozialistischen Realismus bestätigt. Exemplarisch dafür steht die Macbeth-Inszenierung Heiner Müllers an der Volksbühne. Auch sind die Theaterbühnen in Ost-Berlin besonders in den letzten Wochen vor dem Mauerfall wichtige Orte politischen Austauschs, was nicht zuletzt die Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz bezeugt.
Diese vielfältigen Entwicklungen zu veranschaulichen, versucht diese Übersicht.

Der Drache von Jewgeni Schwarz, Regie von Benno Besson, Premiere 25. März 1965, Deutsches Theater

Bessons Inszenierung über den Drachentöter Lanzelot, der vom idealistischen Helden zum selbstbestimmten Bürger wird, hat Kultstatus. Von 1965 bis 1981 gibt es über 500 Vorstellungen. Nach 90 Aufführungen aktualisiert Benno Besson das Schlussbild. Mit der Ausstattung erlangte der Bühnenbildner Horst Sagert internationale Anerkennung. Zum Höhepunkt des Abends wird der Auftritt des Drachens mit einer Flügelspannweite von elf Metern.

Zeichnung von Horst Sagert zu Der Drache
Zeichnung von Horst Sagert zu „Der Drache“, Deutsches Theater © Stadtmuseum Berlin
Fotografie einer Frau in der Modezeitung Sibylle
Fotografie von Arno Fischer in der Modezeitung Sibylle, aufgenommen in den Kulissen zu „Der Drache“, Deutsches Theater © Stadtmuseum Berlin

Faust I von Johann Wolfgang von Goethe, Regie von Adolf Dresen und Wolfgang Heinz, Premiere 12. Dezember 1968, Deutsches Theater

Die Inszenierung stellt die Rezeption des klassischen Erbes gründlich in Frage. Dieser Faust entspricht nicht dem Heldenschema der DDR. Er ist verzweifelt und zerrissen, und Besserung ist nicht in Sicht. Die Inszenierung führt zu Attacken und Verteidigungen, die bis in den Staatsrat geführt werden. Am Ende darf sie nach einigen Streichungen gezeigt werden.

Die Räuber von Friedrich Schiller, Regie von Manfred Karge und Matthias Langhoff, Premiere 10. Februar 1971, Volksbühne

In Reflexion der 68er-Bewegung im Westen werden Schillers Räuber ein paar Jahre später an der Ost-Berliner Volksbühne als eine Revolte inszeniert, die die Frage nach dem revolutionären Potential der Gegenwart stellt. Die Regisseure besuchen Berliner Oberschulen, um gemeinsam mit jungen Menschen über Revolutionen zu diskutieren.

Die neuen Leiden des jungen W. von Ulrich Plenzdorf, Regie von Horst Schönemann, Premiere 17. Dezember 1972, Deutsches Theater

Nachdem Erich Honecker die Kunst in der DDR von Tabus befreien wollte, wurde Ulrich Plenzdorfs Anti-Held Edgar Wibeau zu einem Gradmesser für diesen Prozess. Sturm und Drang gilt als Motto in etlichen Bereichen der Kultur. Dieses Stück lief ab 1972 auf 14 Bühnen in der DDR.

Spektakel 2. Zeitstücke, Regie von Manfred Karge und Matthias Langhoff, Laufzeit 25. September bis 7. Oktober 1974, Volksbühne

Dieses „Theatergewitter“ Spektakel 2. Zeitstücke feiert das Ensemble-Theater, die Gegenwartsdramatik und die Wiederentdeckung des geselligen Beisammenseins von Publikum und Schauspieler*innen. Im ganzen Haus, inklusive dem Spielplatz vor der Volksbühne, und in jeweils zwei Abendschichten werden an jedem Abend zwölf Stücke teilweise parallel in der Volksbühne aufgeführt, davon acht Uraufführungen – allein drei von Heiner Müller.

Programm zu Spektakel 2. Zeitstücke
Programm zu „Spektakel 2. Zeitstücke“, Volksbühne © Stadtmuseum Berlin

Leonce und Lenavon Georg Büchner, Regie von Jürgen Gosch, Premiere 5. September 1978, Volksbühne

Für viele junge Theaterschaffende war diese Inszenierung eine Aufforderung, das Theater neu zu denken. Gosch stellte die Sinnlichkeit im Spiel in den Mittelpunkt und macht den Text zum Spielmaterial, das auch neu arrangiert werden darf. Auch politisch bot die Inszenierung reichlich Zündstoff: Zuknallende Türen umgaben das Liebespaar und waren unschwer als Metapher zu entschlüsseln. Es kam zu 49 Aufführungen, die Inszenierung machte Jürgen Gosch berühmt. Nach ihrer Aussetzung aus politischen Gründen ging er in den Westen.

Bühnenbildmodell zu Leonce und Lena
Bühnenbildmodell von Gero Troike zu „Leonce und Lena“, Volksbühne © Stadtmuseum Berlin

Der Auftrag – Erinnerungen an eine Revolution von Heiner Müller, Regie von Heiner Müller und Ginka Tscholakowa, Uraufführung 15. November 1980 im Theater im 3. Stock der Volksbühne

Heiner Müller präsentiert gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Ginka Tscholakowa seine erste eigene Inszenierung, nachdem er 1961 aufgrund einer anderen Inszenierung aus dem Deutschen Schriftstellerverband ausgeschlossen worden ist. Der Auftrag wird eines der meistgespielten Werke Müllers.

Dantons Tod von Georg Büchner, Regie von Alexander Lang, Premiere 24. April 1981, Deutsches Theater

In Langs Inszenierung werden gleich beide Revolutionsführer, Danton und Robespierre, eigentlich Kontrahenten, von Christian Grashof verkörpert. Die Inszenierung setzt auf spielerische Distanz und historisch bedingte Einsicht, aber auch auf die an die Gegenwart gerichtete Frage: Wie geht’s weiter nach der Revolution? Das provoziert Polemiken.

Plakat zu Dantons Tod
Plakat von Volker Pfüller zu „Dantons Tod“, Deutsches Theater © Stadtmuseum Berlin

Macbeth nach William Shakespeare, Regie von Heiner Müller und Ginka Tscholakowa, Uraufführung 21. September 1982, Volksbühne

Jede der Figuren wird von mehreren Schauspieler*innen gleichzeitig verkörpert und ein Kritiker des RIAS fühlt sich an eine „Multi-Media-Show“ erinnert. Ein anderer sieht „viel Phantasie investiert… Ein Verwirrspiel“. Müllers und Tscholakowas zweite Inszenierung sorgt aufgrund ihrer komplexen und irritierenden Erzählung für reichlich Gesprächsstoff.

Plakat zu Macbeth
Plakat zu „Macbeth“ nach William Shakespeare, Volksbühne © Stadtmuseum Berlin

Die Übergangsgesellschaft von Volker Braun, Regie von Thomas Langhoff, Premiere 30. März 1988, Maxim-Gorki-Theater

Die Inszenierung wurde in Bremen uraufgeführt, entfaltet jedoch erst in Ost-Berlin ihre ganze Wirkung. Im Mittelpunktsteht steht ein Text voller ironischer Anspielungen. Braun setzt das Ensemble aus Tschechows Drei Schwestern in die DDR-Gegenwart und fragt, was fast 90 Jahre später aus ihren Träumen geworden ist. Den Mittelpunkt bildet eine Traumflug-Szene, in der alle Figuren ihre Fesseln sprengen und Wünsche aussprechen. Die Inszenierung weckt Hoffnungen auf Glasnost.

Plakat zu Die Übergangsgesellschaft
Fotografien von Eva Kemlein zu „Die Übergangsgesellschaft“, Maxim-Gorki-Theater © Stadtmuseum Berlin

Quartett von Heiner Müller, Regie von Bernd Peschke, DDR-Erstaufführung 1. April 1989 im Theater im Palast

Am 2. Oktober 1989 bricht die Zeitgeschichte in die Aufführung von Müllers Quartett ein: Weil der Regisseur und der erste Schauspieler „in den Wirren der Zeit abhanden gekommen sind“ (Ansage Heiner Müllers), liest der Autor selbst den männlichen Part des Zwei-Personen-Stücks, ergänzt um ein Gedicht mit dem Titel „daily news nach Brecht“. Durch diesen Vorfall und die schauspielerische Leistung Vera Oelschlegels wurde das Stück, das sich an Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos „Gefährliche Liebschaften“ orientiert, berühmt.

Probenfotografie von Barbara Köppe mit Heiner Müller und Vera Oelschlegel zu Quartett
Probenfotografie von Barbara Köppe mit Heiner Müller und Vera Oelschlegel zu „Quartett“, Theater im Palast © Stadtmuseum Berlin