Die Sprengung der Gasometer

Wie ein Wahrzeichen von Prenzlauer Berg kompromisslos dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Staubwolke während der Sprengung, 28.07.1984
Staubwolke während der Sprengung, 28.07.1984 © Archiv des Museums Pankow | Foto: unbekannt

Eineinhalb Meter starke Klinkerwände, eine riesige Kuppel aus Glas und Stahl, so sahen die Gasometer im heutigen Ernst-Thälmann-Park aus. Von 1873 bis 1981 versorgte das Gaswerk an der Greifswalder Straße die Berliner Straßenlaternen mit Leuchtgas. Über ein Jahrhundert speicherten die Gasometer das Gas dieses Gaswerks. Nach dessen Stilllegung 1981 kamen viele Ideen zur kulturellen Verwendung der Anlage auf. Unter anderem wurde eine Nutzung der nun leerstehenden Gasometer als Planetarium oder Ausstellungsräume in Betracht gezogen. Zu Letzterem lagen bereits konkrete Pläne der Kunsthochschule Weißensee vor.

Doch dann kam die erschütternde Nachricht: Die drei verbliebenen der ursprünglich einmal sechs Speicherbehälter sollten gesprengt werden. Die Neuigkeit löste in Prenzlauer Berg Unmut aus und es entstand eine Protestbewegung gegen den Abriss. Diese blieb jedoch erfolglos, da die Gasometer trotz des starken Widerstands auf Anordnung der Partei- und Staatsführung der DDR am 28. Juli 1984 gesprengt wurden.

Sicht auf die Gasometer vom Dach eines Hauses, 1984 © Archiv des Museums Pankow | Foto: Siegfried Krüger
Sprengung eines der Gasometer, 28.07.1984 © Archiv des Museums Pankow | Foto: unbekannt
Überreste eines der gesprengten Gasometer, 1984 © Archiv des Museums Pankow | Foto: Gerd Höselbarth
Trümmer der Gasometer, etwa 1984 © Archiv des Museums Pankow | Foto: unbekannt

Der Protestbewegung gegen den Abriss schloss sich auch Klaus Laabs an – damals Student der Romanistik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Inzwischen anerkannter literarischer Übersetzer, erklärte er sich bereit, mit uns über seine Erinnerungen an diese Tage zu sprechen.

Wie haben Sie von der geplanten Sprengung der Gasometer erfahren? Und wie haben Sie sich gefühlt?

Klaus Laabs erfuhr auf einer Feier in seinem Freundeskreis, „dass diese Gasometer gesprengt werden sollten.“ Der Beschluss, der von der Bezirksparteileitung damit begründet wurde, dass der Wohnungsbau in der DDR Priorität habe, überzeugte das damalige SED-Mitglied, sich dem Abriss zu widersetzen. Neben der Teilnahme an verschiedenen Protestaktionen versuchte Laabs, die geplante Sprengung durch ein richterliches Urteil zu verhindern. Allerdings wurde die Klage – mit Verweis auf die Abschaffung des Verwaltungsrechts – abgelehnt. Abgesehen von der zurückgewiesenen Klage hatte der versuchte richterliche Prozess weitere Folgen für Laabs: „Es wurde mir vorgeworfen, dass ich dieses Problem mit der Sprengung dort nicht in der Partei diskutiert habe, sondern mit diesem Anliegen zum Vorsitzenden des Staatsrates gegangen bin. Dass der gleichzeitig der Chef der Partei war, haben die einfach ignoriert.“ Obwohl diese Debatte von der Partei verurteilt wurde, gab es „einen Haufen Leute, die mich unterstützt haben.“ Auch wenn es am Ende keine weiteren Konsequenzen für Klaus Laabs mit sich zieht, ist seine Illusion über den Rechtsstaat der DDR zerbröckelt.

Gasometer nach Schließung des Gaswerks, 1982
Gasometer nach Schließung des Gaswerks, 1982 © Archiv des Museums Pankow | Foto: Willi Quart

Wie hätte die Zukunft der Gasometer Ihrer Meinung nach aussehen können, wenn deren Abriss verhindert worden wäre?

„So eine Idee war, meinetwegen ein Planetarium oder irgendwelche Kunst- oder Kultureinrichtungen in die Gasometer zu bauen“, antwortet Laabs und verweist auf die zum damaligen Zeitpunkt bereits existierenden Pläne der Kunsthochschule Weißensee. In diesen seien Ideen zur Errichtung eines Planetariums innerhalb eines Gasometers enthalten gewesen. Zwar sind heutzutage einige Kunst- und Kultureinrichtungen, wie die „WABE“, das „Theater unterm Dach“ oder auch das „Zeiss-Großplanetarium“ auf dem Gelände, Klaus Laabs allerdings hatte Kultureinrichtungen im Sinne, die in die Gasometern integriert gewesen wären. Es wäre eine für Prenzlauer Berg kulturell und geschichtlich prägende Stätte verschiedener kreativer oder künstlerischer Veranstaltungen gewesen. Deswegen spielte „für mich (..) die Frage eine Rolle, warum man einfach so einen Kulturschatz in die Luft jagt.“

Flugblatt zum Protest gegen die Sprengung, 1984 © Archiv des Museums Pankow
Postkarte zur Mahnung an den Abriss der Gasometer des Gaswerks Dimitroffstraße (heute: Danziger Straße), um 1985 © Archiv des Museums Pankow
Fotomontage zur Sprengung, 1985 © Archiv des Museums Pankow | Foto: Dieter Schönberg

Warum schlossen Sie sich den Protestbewegungen an und was unternahmen Sie speziell gegen den Abriss?

„Es ist ein wertvolles Kulturgut“, erklärt Laabs und fügt bedauernd hinzu, „wie toll wäre das gewesen, wenn man die heute noch hätte.“ Er konnte nicht tatenlos zusehen, wie ein weiteres Stück Stadtgeschichte dem Erdboden gleich gemacht wird, erklärt er und beschloss daher, gegen den Abriss der Gasometer zu protestieren. „Da habe ich mich gefragt, was kann ich dagegen machen und da bin ich zum Obersten Gerichtshof der DDR gegangen (…) und habe gesagt, ich möchte eine Anzeige aufgeben gegen diese Sprengung (…), dann wurde mir aber gesagt, leider hat Walter Ulbricht 1958 das Verwaltungsrecht abgeschafft in der DDR. Also die Möglichkeit, dass ein einzelner Bürger gegen die Behörden und gegen die Verwaltung klagen kann.“ Trotz der gescheiterten Klage protestierte Klaus Laabs weiterhin auf den ihm möglichen Wegen und reichte bei der Sprechstunde des Staatsrats-Aufsichtsvorsitzenden eine Petition gegen den Abriss ein, die aber ebenfalls erfolglos blieb.

Wie sahen die Proteste aus und in welcher Form wurde protestiert?

„Es war echt individuell“, erklärt Klaus Laabs. Unter anderem hingen in vielen Hausfluren Spruchbänder mit der Aufschrift „Gasometer sprengt man nicht“ und ähnlichen Parolen.

Spruchband, welches in etlichen Hauseingängen zu finden war, 1984
Spruchband, welches in etlichen Hauseingängen zu finden war, 1984 © Archiv des Museums Pankow

Hatten Sie Angst vor möglichen Folgen, nachdem Sie sich der Protestbewegung angeschlossen hatten?

„Angst hatte ich damals keine, leider, sie hätte mich vielleicht gebremst, und ich hätte am Ende nicht allein im Regen gestanden. Wäre besser gewesen. Der Haken war ja, dass ich eigentlich schon konfrontativ mit meiner Parteileitung verbunden war, weil ich eben sagte, ich will zum Thema, wie ich mir eine vernünftige Schwulenpolitik in der DDR vorstelle, reden. Weil ich nicht in den Westen wollte“, antwortet Klaus Laabs. Den Protest und dessen Folgen sieht er als „totalen Einschnitt“ in sein Berufsleben – in sein Leben überhaupt. Aufgrund seiner Petition gegen den Abriss der Gasometer wird er aus der SED ausgeschlossen und verliert somit einige Privilegien und die Unterstützung der Partei. „Ich hatte drei gute Angebote für eine Arbeit nach dem Studium“, fügt er hinzu. Diese verlor er nach seinen kritischen Äußerungen über die Parteirichtlinie und die damalige Politik. „Ich wäre gern Literaturprofessor geworden“, gesteht er. So lösten sich auch in Aussicht gestellte Lektoren-Stellen in Großverlagen in Rauch auf.

Gaswerk Greifswalder Straße, um 1980
Gaswerk Greifswalder Straße, um 1980 © Landesarchiv Berlin | Foto: Dieter Breitenborn

Zu guter Letzt: Was verbinden Sie mit der Greifswalder Straße?

„Wenn ich wirklich eine spezielle Erinnerung mit der Greifswalder Straße habe, dann ist es der 7. Oktober 1989, der 40. Jahrestag der DDR“, erzählt uns Klaus Laabs, der an diesem Tag, so wie viele Tausend Ost-Berliner, für einen demokratischen Umbau in der DDR auf die Straße ging. Er wollte für einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel demonstrieren, wie er für Michail Gorbatschow schon seit 1985 in der Sowjetunion auf der Tagesordnung steht. Seine Losung: „Glasnost“ (Russisch für Offenheit, Transparenz) und „Perestroika“ (Russisch für Umbau).

„Im Herbst ’89, da hatten wohl alle schon gespürt, dass die alte Macht eigentlich schon so gut wie zusammengebrochen und vor allem ohnmächtig war, also ohne jede wirkliche Macht“, so Laabs. Er selbst nahm an einer Mahnwache teil, die jedoch von Polizisten vom Alexanderplatz bis zur Gethsemanekirche zurückgedrängt wurde. Auf der Schönhauser Allee erlebte er, wie immer mehr Demonstranten auf LKW verladen und abtransportiert wurden, um die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestages der DDR nicht weiter zu stören. Klaus Laabs aber war vom LKW runtergesprungen, „um mich nicht beiseiteschaffen zu lassen. Ich wollte weiter demonstrieren.“ Allerdings hatte dieser Absprung Folgen für ihn, denn er erlitt bei dem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma. „Ja, es gab Augenzeugen (...), die glaubten, ich sei vom Lkw überrollt worden“, fügt er hinzu. Knochenbrüche blieben ihm zwar erspart, aber es dauerte Wochen, bis er wieder fit war.

Quellen

  • Grosinski, Klaus: Prenzlauer Berg. Eine Chronik, Berlin 2008.
  • Otten, Christa: Das letzte Feuer, in: Neue Berliner Illustrierte (1981), Nr. 27, S. 12-17.
  • O. V.: Gasometer trotz Protest gesprengt, in: Lokalnachrichten Prenzlauer Berg (10.12.1992), S. 3.
  • Schulz, Gerhard: Nun also wird das Gaswerk abgetragen, in: Berliner Zeitung (04.08.1981), Nr. 182, S. 11.
  • Wähner, Bernd: Ernst-Thälmann-Park: 1984 wurden die markanten Gasometer gesprengt (letzter Zugriff: 29.07.2019).

Klaus Laabs, geboren am 21. Januar 1953 in Ost-Berlin, widmete sich nicht nur dem Protest gegen den Abriss der Gasometer in Prenzlauer Berg. Politisch engagierte er sich darüber hinaus vor allem in der Ost-Berliner Schwulenbewegung. Er absolvierte ein Studium der Romanistik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin und arbeitet heute als literarischer Übersetzer.

Die Autoren Antonin und Jan sind Schüler der 12. Klasse am Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Berlin und nahmen am Kooperationsprojekt „Greifswalder Straße“ teil.