Die Handelsorganisation und das blaue Signet

Haben Sie in der Ausstellung schon die Panoramabilder der Greifswalder Straße entdeckt? Ist Ihnen dabei etwas aufgefallen? Nein? Was könnten denn die roten und blauen Stempel bedeuten – viele rote Ks und blaue HOs? Bei dem einen oder anderen kommen jetzt vielleicht Erinnerungen hoch! Für alle anderen nachfolgend eine kurze Erklärung: Das rote K steht für Konsumgenossenschaft und das blaue HO-Symbol ist die Kurzform für Handelsorganisation.

Außenansicht des HO-Kaufhauses in der Berliner Allee in Weißensee
Das HO-Kaufhaus in der Berliner Allee in Weißensee, Oktober 1955 © Archiv des Museums Pankow

Die Handelsorganisation, kurz auch HO genannt, existierte von 1948 bis zur Wiedervereinigung der zwei deutschen Teilstaaten und war ein staatliches Einzelhandelsunternehmen der DDR, zu dem auch Hotels und Gaststätten gehörten. In Geschäften der HO benötigte man im Gegensatz zu denen der Konsumgenossenschaft bis 1958 keine Lebensmittelmarken für den Einkauf und es wurde ein breiteres Sortiment angeboten.

Nach außen behauptete die DDR, mithilfe der HO das ökonomische Grundgesetz des Sozialismus verwirklichen zu wollen, welches Stalin als „Sicherung der maximalen Befriedigung der ständig wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft durch ununterbrochenes Wachstum und stetige Vervollkommnung der sozialistischen Produktion auf der Basis der höchstentwickelten Technik“ definierte.

Außenansicht des ersten HO-Warenhauses, Berlin, um 1950
Erstes HO-Warenhaus, Berlin, um 1950 © Archiv des Museums Pankow

Die HO stellte bereits nach kurzem Bestehen eine starke Konkurrenz gegenüber der Konsumgenossenschaft dar. So machte der Umsatz der HO im Jahr 1952 schon 39,8 Prozent des Gesamtumsatzes des Einzelhandels der DDR aus. Das lag auch daran, dass die HO bei der Steuerlast und der Güterzuteilung bevorzugt wurde und damit einen großen Vorteil gegenüber privaten Einzelhändlern hatte. Eine Folge davon war, dass diese ihre Geschäfte nicht mehr selbst weiterführen konnten und die Anzahl privater Händler von 1952 bis 1982 von 80 Prozent auf 25 Prozent zurückging.

Da die HO staatlich gelenkt war, hatte sie beispielsweise auch Einblick in den Bau neuer Wohnsiedlungen und konnte somit schon frühzeitig die Einrichtung neuer Kaufhallen steuern. Der Erfolg der HO fußte demnach vor allem auf der staatlichen Unterstützung und der Vernachlässigung der Konkurrenz. Nichtsdestotrotz hatte die Konsumgenossenschaft, die privat organisiert war, bis zur deutschen Wiedervereinigung rund 4,5 Millionen Mitglieder und stellte innerhalb der DDR die größte Konkurrenz der Handelsorganisation dar.

Liste der HO-Lebensmittelpreise 1950
HO-Lebensmittelpreise 1950 © Archiv des Museums Pankow

Neben den gewöhnlichen Geschäften der HO gab es außerdem den HO-Spezialhandel. In diesen Geschäften wurden Waren aus der Gestattungsproduktion und sehr gefragte Produkte verkauft. Gestattungsprodukte waren Produkte, die wegen der verhältnismäßig geringen Arbeitslöhne von ausländischen Firmen in der DDR produziert wurden. Eine geringe Stückzahl dieser Produkte durfte in den von der Regierung favorisierten Läden verkauft werden. Der HO-Spezialhandel war Personen aus besonderen Kreisen vorbehalten.

Verkäuferinnen in einer HO-Muster-Spezialverkaufsstelle für Fleischwaren in der Dimitroffstraße (heutige Danziger Straße), Prenzlauer Berg, um 1955
HO-Muster-Spezialverkaufsstelle für Fleischwaren in der Dimitroffstraße (heutige Danziger Straße), Prenzlauer Berg, um 1955 © Archiv des Museums Pankow

Allerdings gab es noch die Exquisit- und Delikat-Läden, in denen prinzipiell jeder einkaufen durfte. Die Geschäfte waren staatlich gefördert und es gab sogar eine eigene Modekollektion. In diesen Läden stellte sich jedoch nicht mehr die Frage „Wer darf hier einkaufen?“, sondern „Wer kann hier einkaufen?“. Die Preise waren so hoch, dass die Exquisit-Läden umgangssprachlich auch „Ulbrichts Wucherbuden“ genannt wurden.

Der Grund für die hohen Preise war dabei nicht die hohe Qualität der Produkte, sondern die Inflation. Die Produkte in den Delikat- und Exquisit-Läden waren zum Teil nur ehemalige gewöhnliche Produkte, die für ein bis zwei Jahre vom Markt genommen worden waren, um dann mit schönerer Verpackung für mehr Geld verkauft zu werden.

HO-Kaufhalle an der Ecke Wins-/Marienburger Straße, Prenzlauer Berg, 1980er Jahre
HO-Kaufhalle an der Ecke Wins-/Marienburger Straße, Prenzlauer Berg, 1980er Jahre © Archiv des Museums Pankow

Auch in der Greifswalder Straße befanden sich sehr viele Geschäfte der HO, beispielsweise in der Greifswalder Straße 2 am ehemaligen Königstor. Dort befand sich die VE Handelsbetriebe HO – Berlin, Fachbereich Versorgung/Kooperation. Einige der Geschäfte, die während der Zeit der DDR der HO angehörten, existieren heute noch, wie zum Beispiel die typische Berliner Eckkneipe Willy Bresch.

Der Autor Emilio ist Schüler der 12. Klasse am Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Berlin und nahm am Kooperationsprojekt „Greifswalder Straße“ teil.

Quellen