Der Nachlass des Fotografen Bernd-Horst Sefzik

Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik

Die Familie des Fotografen Bernd-Horst Sefzik (1942–1994) hat nach dem Tod seiner Ehefrau, der Journalistin und Redakteurin Stefanie Knop (1944–2019), sein fotografisches Gesamtwerk an das Stadtmuseum Berlin übergeben. Es handelt sich um die Negative und Kontaktabzüge aus Sefziks bildjournalistischer Arbeit seit den 1960er Jahren sowie um großformatige Handabzüge seines fotokünstlerischen Schaffens. Persönliche Dokumente geben ebenso Einblick in die Entwicklung seiner Arbeitsweise und seines Werks wie Konzeptpapiere, Fotoausrüstung, Künstlerbücher und Hängepläne für Ausstellungen.

In Greifswald geboren, war Bernd-Horst Sefzik nach seiner Fotografenausbildung in Rudolstadt zunächst als Bildreporter in Erfurt tätig, bevor er ab 1964 bei der Jungen Welt in Berlin arbeitete. Vier Jahre später wechselte er zur NBI (Neue Berliner Illustrierte) und absolvierte bis 1973 das Fernstudium der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Seit 1968 war Sefzik Mitglied der Gesellschaft für Fotografie des Kulturbundes der DDR, die sich um die Förderung der Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel bemühte. 1969 gründete er zusammen mit den Fotografen Ulrich Burchert, Heinz Dargelis, Volker Hedemann, Peter Meißner, Detlef Steinberg und Manfred Uhlenhut die Gruppe Jungendfoto Berlin [1]. Diese setzte sich für einen ehrlichen Bildjournalismus ein, der mit den vorherrschenden idealisierenden Darstellungsweisen brach. 1983 wurde Sefzik in den Verband Bildender Künstler der DDR aufgenommen und war dort zusammen mit wichtigen Vertretern seiner jungen Fotografengeneration Mitgründer der AG Fotografie. Nach der Einstellung der NBI im Jahr 1991 arbeitete Sefzik als Fotograf in der gemeinnützigen Berliner Kunst & Kultur GmbH, und von 1994 bis zu seinem frühen Tod war er Dozent an der Fachhochschule in Hamburg.

Fotografie „über das Glück und Leid der Menschen“

Anlässlich der Ausstellung „Schöne kalte Welt“ in Saalfeld schrieb Edwin Kratschmer 1994 über „Die Bildwelten des Fotografen Bernd-Horst Sefzik“ [2]: „Man kannte ihn bisher so: Er jagte als Bildreporter um die halbe Welt und brachte uns Daheimgebliebenen und Eingesperrten faszinierende Doku-Folgen vom Draußen mit (Südamerika, Kuba, Atlantik), oder er berichtete hartrealistisch über Probleme im eigenen Land (über die Kohle in Welzow, über die Leute von Podelzig, über den Fall der Berliner Mauer). ‚Harte Life-Fotografie über das Glück und Leid der Menschen‘ nannte er das, und er meinte damit seinen unbestechlichen, authentischen Blick für Tat-Sachen in einer Welt der Tat-Orte. Er verstand das als Sammeln von aktuellen Täglichkeiten, als harte Arbeit an Reportagethemen. Das Foto war ihm Indiz und denunzierendes Material, Gegenstück zu den damals gängigen Optimismusklischees. Seine Absicht: registrieren – festhalten – zeigen – produzieren. So also kannten wir ihn, den Wahlberliner Hans Dampf … “

Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik
Berlin, am Grenzübergang Bornholmer Straße, 9. November 1989 © Stadtmuseum Berlin | Foto: Bernd-Horst Sefzik

Bernd-Horst Sefziks fotografisches Werk wurde nicht nur in Zeitungen und Zeitschriften öffentlich wirksam, sondern auch in einer Fülle von Ausstellungen unter anderem in Berlin, Greifswald, Leipzig, Neubrandenburg, Potsdam, Budapest, Damaskus, Havanna, Kaunas, Moskau und Vilnius. Von seinen Büchern seien „Oderbruch“ (1985) [3] und „Lebe wohl Deutschland – Empfange uns Heimat“ (1994) [4] über den Abzug der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland genannt. Beide entstanden in Zusammenarbeit mit seiner Frau Steffi Knop.

Insbesondere seine Bilder der ehemaligen Grenzanlagen nach dem Fall der Mauer sind regelmäßig publiziert und in Gruppenausstellungen gezeigt worden. Aktuell ist eine Auswahl bis zum 19. April 2020 in der Ausstellung „Deutschland wird eins. Der Abbau der innerdeutschen Grenze“ im Berliner Museum in der Kulturbrauerei [5] zu sehen.

Anlässlich der Finissage der Ausstellung „Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt“ im Museum Ephraim-Palais am 10. November 2019 wird die Schenkung von Sefziks Œuvre an das Stadtmuseum Berlin öffentlich gewürdigt. Aus diesem Anlass und im Gedenken an den historischen Moment der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November vor 30 Jahren seien hier einige der Fotografien Sefziks aus der Nacht des 9. November 1989 gezeigt und ein Text veröffentlicht, den Sefziks ein Jahr nach diesen Ereignissen geschrieben hat.

Gedanken zu Bildern

Als ich am späten Abend des 9. November 1989 nach einem Fototermin nach Hause fuhr, fiel mir der ungewöhnlich starke Verkehr in den Straßen von Berlin auf. Alle Autos strebten in eine Richtung, zum Grenzübergang Bornholmer Straße. Dort stockte bald aller Verkehr, die Autos blockierten in Dreierreihe jedes Weiterkommen. Ich stieg aus, ging zu Fuß weiter und hörte und sah schließlich etwas Unfaßbares. Die Grenze nach Westberlin war offen! Vorbei an Grenzsoldaten, die es bald aufgaben, Ausweise zu kontrollieren oder gar zu stempeln, flutete eine gewaltige Menschenmenge in beide Richtungen: sie riß auch mich mit.

Alles, was in dieser Nacht passierte, fand seinen Ausdruck in dem immer wiederkehrenden Wort „Wahnsinn“. Dieser eine Begriff drückte alleine aus, was ein jahrzehntelang getrenntes Volk in sich aufgestaut hatte: Wut über nicht wieder gut zu machende Familientragödien, Jubel über noch unfaßbare Freiheit, Trauer über verlorene Jahre. Ein Taumel der Gefühle im Blitzlicht. Erste Schritte aufeinander zu. Es gab einige, die noch in dieser Nacht die Koffer packten und endgültig nach dem Westen gingen, weil sie der plötzlichen Grenzöffnung nicht trauten. Die meisten aber liefen durch volle, fremde Straßen und merkten nach Stunden, als es gegen Morgen hin kühl wurde und der Rauch des von Feuerwerkskörpern schwer in der Luft lag, wie fremd sie trotz des gegenseitigen Zuprostens und der Wahllosen Umarmungen in diesem Teil der Stadt waren. Sie liefen durch eine andere Welt.

Wenn ich mir die Bilder dieser Zeit ansehe, kommt es mir vor, als wäre längere Zeit als nur ein Jahr vergangen. Bei allen widersprüchlichen Gefühlen waren die Gesichter offen. Es gab zornige, aber noch keine aggressiven Gesten und Minen. Mir sind diese Gesichter lieber als jene, die ich später immer wieder sah: die der trunkenen, zerstörerischen Menge in der Silvesternacht am Brandenburger Tor, die der verzweifelten, haßerfüllten Demonstranten, die unter schwarzen Fahnen den Erhalt ihrer Arbeitsplätze forderten.

Unser Land, besser gesagt: unsere Länder sind vereinigt worden. Die wirkliche Vereinigung aber müssen wir noch gemeinsam bewältigen. Was wissen wir voneinander, von unseren Empfindungen, und Empfindlichkeiten, von unseren Ängsten und dem, was sie verursachte? 

Kurze Zeit nach der Grenzöffnung, die anfangs noch nicht freien Reiseverkehr, sondern nur kontrollierten, gelenkten Durchlaß mit sich brachte, hatte ich Gelegenheit, die noch völlig erhaltene Mauer rings um Berlin zu fotografieren. Wer die Berliner Mauer nicht kennt, weiß nicht, daß sie eigentlich aus zwei gleich hohen Betonwänden bestand. Dazwischen befand sich, mehrere hundert Meter breit, für jeden Zivilisten gesperrt, das „Niemandsland“, ein asphaltierter Kolonnenweg für die Grenzfahrzeuge, gesäumt von Wachttürmen, sowie der mit Herbiziden behandelte, völlig unkrautfreie, sauber geeggte und jeden Schritt verratende „Todesstreifen“. Diese Schneise, rücksichtslos durch die Stadt geschlagen, zerschnitt alle Baulichkeiten, verlief mitten durch Häuser und Straßen, durchquerte Betriebsgelände ebenso wie Friedhöfe, Bahnanlagen und Wasserläufe.

Dieses „Niemandsland“ zwischen Mauern bin ich in voller Länge von 168 Kilometern angelaufen oder – gefahren, und soweit ich weiß, war ich der erste Fotograf, der das tun  durfte. Meine Eindrücke wechselten zwischen Erschrecken und Entsetzen, es gab Momente, wo kein Foto ausdrücken konnte, was ich empfand. Zum Beispiel, als ich den U-Bahnhof Potsdamer Platz betrat (der durch seine Unterirdische Lage geschützt, die Jahre überdauert hatte) und sich meine Fußabdrücke im millimeterstarken Staub markierten. Sie waren die einzigen frischen, menschlichen Spuren in einer erstarrten Welt. Hinter zugemauerten Eingängen fand ich alles so, wie es vor fast drei Jahrzehnten, offenbar in Eile, verlassen worden war: einen umgekippten Stuhl, eine Zeitung vom August 1961, Werkzeug …

In „Niemandsland“ entstand eine Dokumentation, die heute längst historischen Wert hat, denn die Mauer ist weitgehend abgebaut, der drohende Schatten des Wachtturmes verschwunden, der überwucherte Friedhof wieder in Ordnung gebracht (…) [6]

Selbstportrait Bernd-Horst Sefzik, um 1989
Selbstportrait Bernd-Horst Sefzik, um 1989

Quellen:

[1] „Diese selbstironisierende Bezeichnung hatte sich ein Kreis von jüngeren Bildreportern gegeben, der die Bildsprache der DDR-Illustrierten zu modernisieren versuchte. Wichtige Vertreter der Gruppe wie Ulrich Burchert, Bernd-Horst Sefzik, Uwe und Detlev Steinberg gehörten später zu den Gründern der AG Fotografie im Künstlerverband. Siehe hierzu: Redaktionsgespräch Gruppe JUGENDFOTO BERLIN 1969–79. In: Bildende Kunst, a. a. O., S. 162 ff.“ aus Wolfgang Kil: Wahlverwandtschaft. Das Erbe der Magnum-Fotografen im „Land der angehaltenen Zeit“. Erschienen in: Thomas Liebscher (Hrsg.): Leipzig. Fotografie seit 1839. Leipzig 2011, siehe Website von Wolfgang Kil.

[2] Handzettel, A4, Die Bildwelten des Fotografen Bernd-Horst Sefzik mit Text von Dr. Phil Edwin Kratschmer, Saale-Galerie Saalfeld, 1994, aus dem Nachlass Bernd-Horst Sefzik.

[3] Steffi Knop (Einf.) Oderbruch. Leipzig  1985.

[4] Steffi Knop (Einf.), Jürgen Strauss (Hg.): Lebe wohl Deutschland – Empfange uns Heimat. Potsdam, 1994 (Zeit-Sprung-Edition, Nr. 1).

[5] https://www.museumsportal-berlin.de/de/ausstellungen/deutschland-wird-eins/

[6] Bernd-Horst Sefzik: Gedanken zu den Bildern, Typoskript, 3 Blatt  (gekürzt), aus dem Nachlass Bernd-Horst Sefzik © Stadtmuseum Berlin.