Buchvorstellung: Ost-Berlin – 30 Erkundungen

32 Autor*innen nehmen uns mit in die ehemalige „Hauptstadt der DDR“.

Das Aufgeschlagene Buch mit einem Bild  von zwei Männern mit Einkaufstaschen auf der linken und Text auf der rechten Seite.
Ein Auszug aus dem Begleitband © Stadtmuseum Berlin | Foto: Moritz Behrmann

Wie sah Ost-Berlin aus, wie hörte es sich an und wie roch es? Und wie lebte es sich dort? Die 30 Beiträge des hier vorgestellten Sammelbandes laden mit ihren verschiedenen und doch meist persönlichen Zugängen zum Entdecken der oft widersprüchlichen Stadt ein. Die Autor*innen haben gemischte Hintergründe, aber fast alle Ost-Berlin-Erfahrungen gesammelt: Sie stammen aus der DDR, der alten Bundesrepublik, England und den Niederlanden.

Was den Band auszeichnet, ist der daraus resultierende Erfahrungsreichtum über den Ostteil der Stadt und ein Blick aus verschiedenen Perspektiven. Dies und die Erinnerungen der Autor*innen dienen den Leser*innen als spannende Quellen über den Alltag und das Leben in Ost-Berlin. Die umfangreichen Kenntnisse über die Stadt(-geschichte) werden zudem in den Beiträgen, die auch über das Jahr 1989 hinaus erzählen, deutlich. An vielen Stellen ermöglicht dies den Anschluss an aktuelle Diskussionen in der mittlerweile zusammengewachsenen Hauptstadt.

Ost-Berlin als Schaufenster

Die eindrücklichen Beiträge über die sozialen und kulturellen Milieus, die Arbeitswelt und das Stadtbild zeugen oft vom Schein und Sein des damals sozialistisch geprägten Teils der Stadt. Wolfgang Schumann erläutert, wie er damals als Stadtsoziologe in Ost-Berlin die Wohnverhältnisse im Neubaugebiet Marzahn untersuchte. Trotz der verschiedenen Beweggründe für den Umzug nach Marzahn ähnelten sich überraschenderweise die Ergebnisse seiner Analyse. Seit den 1970er Jahren beschäftigt der Wohnungsmangel Politik und Bevölkerung, von der ein Teil immer weiter aus der Stadtmitte herausgedrängt wird. Eine zweite Kontinuität bilden das vielfältige Kulturangebot und das Image als Szenestadt, die weiterhin Hauptanziehungspunkte für viele Menschen darstellen.

Das Aufgeschlagene Buch mit einem Bild von einer Baustelle mit dem Berliner Fernsehturm im Hintergrund auf der linken und Text auf der rechten Seite.
Ein Auszug aus dem Begleitband © Stadtmuseum Berlin | Foto: Moritz Behrmann

Jürgen Danyel, Herausgeber des aktuellen Bandes, leitet daraus den heute genutzten Begriff des Overtourism ab. Er weist darauf hin, dass die Bewohner*innen Ost-Berlins bereits ab den 1970er Jahren ein ambivalentes Verhältnis zum politischen Tourismus entwickelten. Nach dem Mauerfall 1989 stellt auch heute die stetig steigende Anzahl der (Kultur-)Tourist*innen die Stadt vor Probleme. Die Attraktivität Berlins wird von vielen Bewohner*innen daher ambivalent gesehen. Auch das Stadtbild, der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) und der Umweltschutz müssen mit dem Zuwachs an Bedeutung und Attraktivität harmonisiert werden. Der aktive Umgang mit der Vergangenheit, u. a. dem baulichen Erbe der DDR, spielt dabei eine große Rolle. Er fördert die Diskussion und birgt Potential für die Stadt – auch was die Wahrnehmung von außen betrifft. „Welch eine Ironie der Geschichte: Auch nach ihrem Verschwinden behielt die Stadt ihre Funktion als Schaufenster der DDR“, konstatiert Danyel.

Inszenierung, verborgene Orte und "Nischen"

Zum Ost-Berliner Stadtraum gehörte bis 1989 die Inszenierung von Räumen. Die Protokollstrecke entlang der Greifswalder Straße, von der Claudia Schön erzählt, war einer davon. Jeden Morgen fuhren dort die Parteioberen von ihren Wohnsitzen im außerhalb Berlins gelegenen Wandlitz in die Innenstadt – in auffälliger Kolonne und mit „grüner Welle“. Andere verschleierte und geheime Orte waren der Grenzbereich an der Berliner Mauer, die Geisterbahnhöfe und die Orte der Repression wie in Hohenschönhausen, über die Axel Klausmeier und Gerhard Sälter als Experten berichten. Daneben suchten die Ost-Berliner*innen auch Räume abseits des öffentlichen und politischen Stadtraums auf, die mehr Privatheit versprachen. Wichtig war hier die in der DDR gelebte Kleingartenkultur, die Annett Gröschner in ihrem Beitrag vorstellt. Doch selbst dort konnten sich die Bewohner*innen nicht vollends dem von Überwachung geprägten SED-Staatsapparat entziehen – das Kontrollbedürfnis war einfach zu groß.

Bereichert wird der Sammelband zudem durch zwei Beiträge von Autor*innen, die erst Ende der 1980er Jahre geboren wurden. Sie begaben sich auf Entdeckungsreise für ihre Beiträge. Der Anziehungskraft und Bedeutung des Theaters in den 1970er Jahren, hier vor allem der Volksbühne, spürt Stefanie Thalheim aus der Perspektive von Emine Sevgi Özdamar nach. Die „Nischen“ der schwulen Subkultur in Ost-Berlin entdeckt Jens Kraushaar, indem er von seiner Recherche berichtet. Über Literatur, Filme und Zeitzeugeninterviews zeichnet er die Situation nach, in denen sich Homosexuelle in den 1970er und 1980er Jahren befanden.

​Wer jetzt Lust auf weitere Geschichten rund um Ost-Berlin bekommen hat, dem sei dieses Buch nachdrücklich empfohlen. Von Musik und Mode über Kaffee und Klassenfahrt sowie Niederländer*innen auf dem Müggelsee lässt sich viel entdecken.

Veranstaltungstipp: Am 7. Mai um 20 Uhr stellt stellen Jürgen Danyel und weitere Autoren das Buch im Theater Pfefferberg vor.

Ost-Berlin. 30 Erkundungen.
448 Seiten, 50 Abb., 25 Euro
Weitere Informationen: Ch. Links Verlag