Bergfest auf den Müggelbergen

Die zweite Halbzeit hat schon begonnen. Unsere Ost-Berlin-Ausstellung, die in den vergangenen vier Monaten rund 40.000 Besucher angelockt hat, ist nur noch bis zum 10. November zu sehen. Begleitend zur Ausstellung haben wir auf dem OstBlogBerlin bereits 66 Beiträge veröffentlicht. Es war daher an der Zeit, ein Bergfest zu feiern. Also besuchten wir mit unserem Redaktionsteam die Müggelberge – ein klassischer Ost-Berlin-Ausflug, der hiermit zur Nachahmung empfohlen wird.

Der Müggelturm, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth
Der Müggelturm, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth

An einem sonnigen Septembersonntag ging’s los. Wir trafen uns am S-Bahnhof Friedrichshagen und wanderten die berühmte Bölschestraße runter Richtung Müggelsee. Vorbei an Kaffeehäusern mit leckeren Torten gelangten wir so zum Schiffsanleger der Reederei Kutzker, die regelmäßig Rundfahrten über den Müggelsee anbietet. An Bord wurden wir mit Bitburger verwöhnt (leider nicht mit dem Berliner Bürgerbräu, das noch bis 2010 in Friedrichshagen gebraut wurde). Unsere Rundfahrt über den größten See Berlins führte uns zunächst nach Klein-Venedig und Neu-Helgoland bis auf den Kleinen Müggelsee und von dort aus weiter bis ans Südufer des Großen Müggelsees. Am Anleger der Traditionsgaststätte „Rübezahl“ verließen wir das Schiff. Den berühmten Biergarten ließen wir aber zunächst links liegen und setzen zu unserem Aufstieg auf die Müggelberge an.

Blick über den Müggelsee auf die Müggelberge (links der Große Müggelberg, rechts der Kleine Müggelberg mit dem Müggelturm), 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth
Blick über den Müggelsee, im Hintergrund die Müggelberge (links der Große Müggelberg, rechts der Kleine Müggelberg mit dem Müggelturm), 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth

Hinauf zum Kleinen Müggelberg müssen gut 50 Höhenmeter erklommen werden. Für Berliner Verhältnisse ist das gewaltig. Oben auf dem Berg steht seit 1961 der Müggelturm, der kurz nach dem Mauerbau eröffnet wurde. Hier geht es weitere 137 Stufen hinauf, die sich wirklich lohnen, denn von der 30 Meter hohen Aussichtsplattform bietet sich ein herrlicher Blick über ganz Berlin. Bei gutem Wetter kann man sogar das fast 50 Kilometer entfernte Tropical Island erkennen, das wie eine fette Kellerassel am Horizont aussieht. Damit zukünftig auch gehbehinderte Menschen die Aussicht genießen können, plant der heutige Eigentümer des Müggelturms die Errichtung eines barrierefreien Zwillingsturms, der direkt neben dem alten Turm entstehen soll. Dieser steht unter Denkmalschutz und darf daher keinen Fahrstuhl erhalten. Überhaupt ist hier oben alles ziemlich original. Die Terrassen unterhalb des Müggelturms verströmen pure Ostalgie. Zu den Klängen von Karat wird Ketwurst serviert.

Das Team vom OstBlogBerlin am Müggelturm, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth
Das Team vom OstBlogBerlin am Müggelturm, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth

Das kulinarische Angebot auf den Müggelturmterrassen konnte uns nicht von unserer weiteren Wanderung abhalten, denn es galt, noch höhere Gipfel zu erklimmen. Auf dem Höhenkamm der eiszeitlichen Müggelberge wanderten wir Richtung Osten zu den Großen Müggelbergen. Hier steht seit Mitte der 1950er Jahre der erste Ost-Berliner Fernsehturm, der eigentlich 130 Meter hoch werden sollte. Doch nachdem den Planern aufgegangen war, dass der Turm genau in der Anflugschneise zum Flughafen Schönefeld stehen würde, stoppten sie den Bau nach nur 30 Metern – eine typische Fehlplanung der DDR-Planwirtschaft. Der Berliner Fernsehturm wurde dann bekanntlich am Alexanderplatz gebaut, während der massive Turmstummel auf dem Großen Müggelberg fortan von der Stasi als Abhöranlage genutzt wurde. Genau wie die NSA auf dem West-Berliner Teufelsberg wusste die Stasi von der exponierten Höhenlage am Rande Berlins Gebrauch zu machen.

Der Fernsehturm auf dem Großen Müggelberg, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth
Der Fernsehturm auf dem Großen Müggelberg, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth

Der erste Berliner Fernsehturm wird heute genau wie sein großer Bruder von der Deutschen Telekom genutzt. Doch der Fernsehturm ist nicht der erste Turm an dieser Stelle. Von 1904 bis 1945 stand hier oben auf dem Großen Müggelberg eine Bismarckwarte. Der wilhelminische Protzbau wurde aus Rüdersdorfer Kalkstein gebaut und bot eine Aussichtsplattform in 29 Metern Höhe. Wie hunderte ähnliche Bismarcktürme im ganzen Kaiserreich sollte der Turm den traditionellen Sonntagsausflug ins Grüne mit der kultischen Verehrung des Reichsgründers verbinden. Im April 1945 wurde der Bismarckturm von den Erben des Reichs in die Luft gesprengt, um der anrückenden Roten Armee keinen Orientierungspunkt zu geben. Am Nordhang des Bergs sieht man noch heute die Reste jener Politik der verbrannten Erde, wenn man sich ein wenig ins Unterholz wagt. Lauter behauene Steinquader ragen aus dem Erdreich hervor und künden von der einstigen Bismarckwarte.

Reste des alten Bismarckturms auf dem Großen Müggelberg, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth
Reste des alten Bismarckturms auf dem Großen Müggelberg, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth

Doch der eigentliche Höhepunkt kommt noch. Erst auf dem nächsten Hügel befindet sich die höchste natürliche Erhebung Berlins. Verborgen von märkischen Kiefern steht ein alpines Gipfelkreuz, das die stolze Höhe von 114,80 Metern über Normalnull verkündet. Damit ist der Große Müggelberg in der Tat der höchste natürliche Gipfel Berlins, denn der Teufelsberg im Westen der Stadt mag zwar ein paar Zentimeter höher sein, hat aber noch keine 10.000 Jahre auf dem Buckel, sondern wurde erst aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs errichtet. Ansonsten gibt es durchaus einige bemerkenswerte Parallelen zwischen Ost und West – von den ehemaligen Abhöranlagen auf beiden Bergen ganz zu schweigen. Genau wie am Teufelsberg liegt auch unterhalb des Kleinen Müggelbergs ein Teufelssee. Beide Berge werden von ausgedehnten Waldflächen umgeben, die zusammengerechnet fast ein Drittel der Fläche Berlins ausmachen. Und schließlich grenzen beide Naherholungsgebiete an große Seen, durch die die beiden größten Berliner Flüsse fließen: die Havel durch den Stößensee und den Wannsee; die Spree durch den Müggelsee.

Das Team vom OstBlogBerlin am höchsten Punkt Berlins, 2019 © & Foto: Hanno Hochmuth
Das Team vom OstBlogBerlin am höchsten Punkt Berlins, 2019 © & Foto: Dominik Juhnke

Unsere Wanderung über die Müggelberge endete mit einem Spaziergang am Müggelsee. Wir hatten erfolgreich sieben Kilometer und 80 Höhenmeter bewältigt. Um dieses Bergfest angemessen zu feiern, gibt es keinen schöneren Ort als das traditionelle Ausflugslokal „Rübezahl“ am Südufer des Müggelsees. Hier befand sich schon zu DDR-Zeiten einer der beliebtesten Biergärten Ost-Berlins. Natürlich kann man hier Molle und Berliner Weiße  trinken. Ketwurst oder Steak au Four sucht man aber zum Glück vergeblich. Stattdessen werden wie überall in Berlin jetzt Burger serviert. Und im Winter verwandelt eine Schneekanone aus den Alpen den Biergarten in eine Winterlandschaft, wie es sie im Zeichen des Klimawandels hierzulande kaum mehr gibt. Vielleicht soll der Schnee auch an das verschneite Riesengebirge erinnern, aus dem der alte Rübezahl stammt. Der böhmische Berggeist aus dem sozialistischen Nachbarland erfreute sich in der DDR großer Beliebtheit und gibt dem Ausflugslokal bis heute seinen Namen. Das ist noch ein kleines Stückchen Ost-Berlin.