Ausstellungstipp: nineties berlin in der Alten Münze

Ein multimediales Erlebnis

Eingang Alte Münze
Eingang Alte Münze © nineties berlin, Berlin 2018

Meine Reise auf den Spuren Ost-Berlins durch die Ausstellungen in der Hauptstadt geht weiter. Und wieder verschlägt es mich in die historische Mitte Berlins. Dieses Mal führt mich mein Weg den Mühlendamm entlang, vorbei am Nikolaiviertel und in die Alte Münze, ein ehemaliges Münzprägewerk, das heute Veranstaltungsort und Forum für Kunst- und Kulturschaffende ist. Hier befindet sich die multimediale Ausstellung des DDR Museums, von der ich bereits so viel gehört habe, die in den Medien kontrovers diskutiert wird und der sogar die New York Times einen Artikel widmete. Mit großen Erwartungen im Gepäck betrete ich das Gebäude.

Dass es sich bei nineties berlin um keine „klassische“ Ausstellung handelt, wird mir bereits im Eingangsbereich klar: Durch das Gebäude schallen Techno-Klänge, der Eingang zum Ausstellungsraum erinnert an einen Clubeingang. Nachdem ich den schwarzen Tunnel durchquert habe, bietet sich mir ein beeindruckendes Bild: Links und rechts ziehen auf großen Wänden Aufnahmen aus der Zeit kurz nach dem Mauerfall an mir vorbei, in der Mitte des Raumes blicke ich auf zwei zackenförmige Wände, die die Berliner Mauer symbolisieren – und der Techno wummert weiterhin in meinen Ohren.

Begehbares Modell der Berliner Mauer mit Videowand im Hintergrund
Stilisiertes Modell der Berliner Mauer mit Videowand im Hintergrund © & Foto: Daniel Bosch

Auf meiner Suche nach Spuren Ost-Berlins begebe ich mich ins Innere der stilisierten Grenzanlagen. An den Wänden links und rechts befinden sich Fotos von der Berliner Mauer, die 1988 und 1989 von Grenztruppen der DDR aufgenommen wurden. Vor vielen dieser Bilder bleibe ich erstaunt stehen und stelle fest, dass ich die Orte nicht wiedererkenne – es hat sich wirklich viel verändert in den letzten drei Jahrzehnten! Über eine von den Ausstellungsmacherinnen und -machern konzipierte Handy-App, den Guide Bot, kann ich weiterführende Informationen und historische Bilder abrufen – eine interessante Idee in Zeiten des omnipräsenten Smartphones.

Anders als der Titel der Ausstellung zunächst vermuten lässt, wird auch die Zeit vor 1990 thematisiert. Das zeigt sich im nächsten Raum. An 13 Videostelen erzählen Personen mit völlig unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen von ihren Erlebnissen in der Umbruchzeit 1989/90 und danach. Viele der Protagonistinnen und Protagonisten besitzen einen Ost-Berliner Hintergrund. Neben einem Historiker, Personen aus der Berliner Club-Szene, Musikerinnen und Musikern kommen zum Beispiel auch ein Mitglied der Hooligan-Szene und ein Polizist zu Wort. Deren Geschichten höre ich besonders aufmerksam zu, da sie zum Teil dieselben Ereignisse aus entgegengesetzten Blickwinkeln erzählen. Unterhalb der Bildschirme werden Objekte in Glasvitrinen ausgestellt, die in einem persönlichen Zusammenhang mit den erzählten Erlebnissen stehen. Bei all den spannenden Geschichten vergesse ich völlig die Zeit, ein Blick auf meine Uhr verrät mir, dass ich bereits seit 30 Minuten den Erzählungen lausche!

Videostelen mit unterschiedlichen Personen aus Ost- und West-Berlin
Stelen mit Videos, in denen Ost- und West-Berlinerinnen und -Berliner ihre Geschichten erzählen © & Foto: Daniel Bosch

Nachdem ich meinen Weg durch die Ausstellung fortgesetzt habe, stehe ich plötzlich etwas überrascht in einem Außenbereich, vor mir ein Teil der Berliner Mauer. Daneben befindet sich ein langgezogener Raum, der mich kurz innehalten lässt: Seine linke Wand ist übersät mit den Namen der mindestens 140 Mauertoten, an der anderen Wand hängen ebenso viele Kalaschnikows, die auf die Namen zielen – eine Inszenierung, die durchaus Eindruck hinterlässt. Denn auch wenn viele der Mauertoten gar nicht erschossen wurden, sondern ertranken oder in den Tod stürzten, stehen die Waffen symbolisch für ein unmenschliches und repressives Grenzregime.

Teilstück der Berliner Mauer im Außenbereich der Alten Münze
Teilstück der Berliner Mauer im Außenbereich der Alten Münze © & Foto: Daniel Bosch

Ich verlasse den Außenbereich wieder und betrete den nächsten und letzten Raum der Ausstellung. Dieser ist mit seiner labyrinthartigen Gestaltung bekannten Clubs im Berliner Osten nachempfunden. An kleinen Medienstationen erfahre ich mehr über die Musik-Szene der 1990er Jahre. Anhand digitaler Karten kann ich außerdem den rasanten Wandel der Kieze bis heute nachvollziehen.

Anders als ich im Vorfeld meines Ausstellungbesuches erwartet hatte, ist Ost-Berlin neben dem Techno das dominierende Thema von nineties berlin. Dabei spielt zwar auch das prominente Thema Mauer eine große Rolle. Vor allem aber die Darstellungen des kulturellen und städtebaulichen Wandels im Ost-Teil der Stadt nach 1989/90 und der dort gemachten Erfahrungen zählt zu den Stärken von nineties berlin. Mit diesem Résumé verlasse ich die Alte Münze. Ich bin schon gespannt, welche Überraschungen mein nächster Ausstellungsbesuch auf den Spuren Ost-Berlins für mich bereithält!

nineties berlin, Alte Münze, Molkenmarkt 2, 10179 Berlin, weitere Informationen unter: www.nineties.berlin