Ausstellungstipp: „Gesichter der Arbeit“ im Deutschen Technikmuseum

Ein ungeschminkter Einblick in die Ost-Berliner Arbeitswelt

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung © & Foto: Moritz Behrmann

Wieder einmal begebe ich mich auf die Suche nach Spuren Ost-Berlins in der Museumslandschaft der Hauptstadt. Dieses Mal bin ich allerdings nicht alleine unterwegs, sondern werde von meinem Kollegen Moritz Behrmann begleitet, der wie ich an der Ausstellung Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt mitwirkte und in diesem Rahmen ein Schülerprojekt betreute. Für uns geht es heute nicht wie bei meinen ersten beiden Erkundungen nach Berlin-Mitte, sondern nach Kreuzberg – denn auch in West-Berlin ist Ost-Berlin ein Thema. Ziel ist das Deutsche Technikmuseum, in dem vom 6. März 2019 bis zum 8. März 2020 die Sonderausstellung „Gesichter der Arbeit. Fotografien aus Ostberliner Industriebetrieben von Günter Krawutschke, 1971-1986“ zu sehen ist. Nach meinen Besuchen im interaktiven DDR Museum und in der multimedialen Erlebnis-Schau nineties berlin erwartet uns diesmal also eine Fotoausstellung. Wir sind gespannt!

Als wir die Ausstellung betreten, erstreckt sich vor uns ein langer Gang, auf beiden Seiten hängen an weißen Wänden Fotos in großen Bilderrahmen. Während Moritz sich die ersten davon ansieht, lese ich den Einführungstext, der direkt am Eingang neben einem großen Plakat hängt. Kurz, aber aufschlussreich informiert er über die Hintergründe und den Inhalt der Ausstellung: Wie der Titel der Ausstellung bereits verrät, stammen die ausgestellten Fotos von Günter Krawutschke, der seit 1970 als Fotograf und Bildreporter für den „Berliner Verlag“ arbeitete. Die Bedeutung dieser Fotos und damit auch der Ausstellung liegt vor allem darin, dass sie eine Welt zeigen, die nach 1989/90 einen tiefgreifenden Wandel erfahren hat. Ost-Berlin war einer der wichtigsten Industriestandorte der DDR, was heute an vielen Orten kaum mehr wiederzuerkennen ist.

Fotos mit verschiedenen Szenen aus dem Arbeitsalltag
Fotos mit verschiedenen Szenen aus dem Arbeitsalltag © & Foto: Moritz Behrmann

Jetzt bin aber auch ich neugierig und steuere auf die ersten Fotos zu. Als Allererstes fällt uns auf, dass sie alle schwarz-weiß sind. Das tut der Wirkung der Bilder keinerlei Abbruch, ganz im Gegenteil. Trotzdem fragen wir uns, warum die Kuratorinnen und Kuratoren der Ausstellung gänzlich auf Farbfotos verzichteten: Nahm schon Günter Krawutschke die Fotos ausschließlich in schwarz-weiß auf? Oder sind sie im Original sogar farbig und wurden für die Ausstellung extra in schwarz-weiß-Fotos umgewandelt? Wenn dem so sein sollte: Welcher Gedanke stand hinter dieser Entscheidung? Wie auch immer die Antworten auf diese Fragen lauten mögen: Schauwert haben die Fotos auf jeden Fall.

In seiner Tätigkeit als Fotograf und Bildreporter war es Krawutschke erlaubt, die Betriebe zu betreten und die dort arbeitenden Menschen zu fotografieren – immer unter der Vorgabe, ein positives Bild vom Sozialismus zu präsentieren. Doch viele seiner Fotos sprechen eine ganz andere Sprache: Bilder nach staatlich verordneten Maßstäben im Sinne sozialistischer Selbstinszenierung gibt es in der Ausstellung nur wenige zu sehen. Stattdessen nutzte Krawutschke die Gelegenheit und lichtete die Arbeiterinnen und Arbeiter in ganz alltäglichen Situationen ab. Vor allem die vielen unterschiedlichen Motive machen die Ausstellung so interessant und abwechslungsreich: Sie zeigen rußverschmierte Körper bei der Arbeit, erschöpfte Gesichter in den Pausen und lachende Frauen und Männer bei Betriebs- und Auszeichnungsfeiern. Sie zeigen die Betriebe von innen und von außen, bringen uns zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken. Vor allem aber wirken sie nicht gestellt, sondern geben einen ungeschminkten Eindruck von der Arbeit in Ost-Berliner Industriebetrieben in den 1970er und 1980er Jahren.

Karte von Ost-Berlin, auf der die einzelnen Betriebe eingezeichnet sind
Karte von Ost-Berlin, auf der die einzelnen Betriebe eingezeichnet sind © & Foto: Moritz Behrmann

Am Ende der Ausstellung stehen wir plötzlich vor einer großen Karte Ost-Berlins, auf der die elf Bezirke und sämtliche Betriebe eingezeichnet sind. Diese Darstellung rundet die Ausstellung schön ab, denn jetzt lassen sich alle Betriebe auch lokal verorten. Ebenso gibt es hier wieder eine Texttafel, die über die Bedeutung von Industrie und Arbeit in Ost-Berlin vor 1990 informiert. Insgesamt wird in der Ausstellung nur wenig Text verwendet.

Als Moritz und ich die Ausstellung wieder verlassen, sind wir erstaunt: Auch wenn „Gesichter der Arbeit“ eine sehr kleine Ausstellung ist, haben wir uns doch eine ganze Stunde dort aufgehalten. Mit vielen interessanten Eindrücken und reichlich Gesprächsstoff machen wir uns wieder auf den Weg nach Hause.

Gesichter der Arbeit. Fotografien aus Ostberliner Industriebetrieben von Günter Krawutschke, 1971-1986, Deutsches Technikmuseum, Trebbiner Straße 9, 10963 Berlin, weitere Informationen auf der Internetseite zur Ausstellung.