Auftrag Zukunft. Wie eine kleine Filmgruppe die DDR und ihre Hauptstadt mit der Kamera einfing

Sitz der SFD am Rosenthaler Platz, heute ein beliebter Café-Treff
Sitz der SFD von 1970-1986 am Rosenthaler Platz, heute Kulturdenkmal und unter jungen BerlinerInnen ein beliebter Café-Treff | Foto: Fridolin Freudenfett (Peter Kuley)

Ost-Berlin ist filmisch durchaus gut dokumentiert. Es gibt unzählige Filmaufnahmen, beispielsweise von Großveranstaltungen in der Hauptstadt. Dazu zählen etwa die jährlich wiederkehrenden Feierlichkeiten zum 1. Mai oder die Einweihung des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Friedrichshain im Jahr 1981. Auch in den Beiträgen der Aktuellen Kamera (AK), der Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, finden sich etliche Aufnahmen, die Ost-Berlin als Regierungssitz oder etwa als Touristenmagnet thematisieren.

Weniger touristisch und weniger im Fernsehen der DDR sichtbar, dafür aber für viele Ost-BerlinerInnen präsent, waren andere Themen wie etwa die Wohnraumsituation oder die Grenze(n) im Alltag der geteilten Stadt. Filmemacher der DDR standen wie andere Bereiche von Kunst und Kultur ebenso unter dem staatlichen Auftrag, die sozialistische Gesellschaft positiv zu formen und die Staatsmacht zu bestätigen. Wenngleich es auch Nischen gab, so scheint es dennoch kaum vorstellbar, dass eine Gruppe von FilmemacherInnen den staatlichen Auftrag erhielt, den Alltag ungeschönt und in all seinen Facetten zu dokumentieren. Da waren also auch Leerstellen in der Öffentlichkeit.

Rund 16 Jahre existierte in der DDR die Staatliche Filmdokumentation (SFD), die ihren Sitz in jenem Haus am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte hatte, das heute eher für sein hippes Café „Sankt Oberholz“ bekannt ist. Von 1970 bis 1986 entstanden hier in wenigen Büroräumen rund 300 Filme. Lediglich zehn MitarbeiterInnen waren während dieser Zeit in der SFD im Auftrag des Kulturministeriums tätig. Ihre Aufgabe: Quellenmaterial für die Zukunft zu produzieren, um späteren Generationen ein möglichst umfassendes Bild des sozialistischen Staates und seiner Geschichte zu überliefern. Angegliedert an das Staatliche Filmarchiv der DDR (SFA), agierte die Produktionsgruppe regelrecht im Verborgenen, außerhalb der Öffentlichkeit. Das Besondere: Da es sich bei der Produktion jener Filmdokumente ausschließlich um zukünftig zu verwendendes Material handelte, standen die Filme von Anfang an unter Verschluss und wurden unter dem Status „Sperr- und Verbotsfilme“ als unzugänglich archiviert. Bis heute sind die Nutzungsrechte, die mittlerweile dem Bundesarchiv/Filmarchiv obliegen, nicht eindeutig geklärt und somit stark eingeschränkt. Vor allem der Film- und Kulturwissenschaftlerin Anne Barnert sowie dem Historiker Andreas Kötzing ist es zu verdanken, dass ein Teilbestand mittlerweile der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Dieser wird in Ausschnitten ebenfalls in der Ausstellung Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt im Museum Ephraim-Palais zu sehen sein.

Was macht die Filmdokumente für die Ausstellung lohnenswert?

Aufgabe der SFD war es, mit Personendokumentationen (beispielsweise von FunktionärInnen), Sachdokumentationen (etwa von Lebens- und Wohnverhältnissen) und der Dokumentation sozialer Milieus ein möglichst objektives und realistisches Bild der DDR zu erfassen – wenngleich dieses Bild eben nicht für die Gegenwart gedacht war. Vor allem spätere Produktionen weisen darüber hinaus auch einen künstlerischen Anspruch auf, wie zum Beispiel Thomas Heises Film „Das Haus“ von 1984.

Interessanterweise lassen sich im Bestand der SFD ebenso 64 Filme finden, die unter der sogenannten Phase der „Berlin-Totale“ (1978-1980) entstanden sind und jenen eher „geheimen Blick“ auf Ost-Berlin werfen. Dabei sollte die Hauptstadt der DDR als ein repräsentativer Raum für das gesamte Land in Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungen und Erscheinungen dienen. Herausgekommen sind jedoch Filme, die einen vielleicht schon zu mutigen Blick auf die Stadt werfen: Etwa die Straßenfilme von Veronika Otten (1941-2012), die die alte Berliner Stadtmitte der späten 1970er Jahre nicht nur dokumentieren, sondern auch den durch die Städtebaupolitik der DDR vorangetriebenen Verfall der Altstadt überaus deutlich machen. Zu Ottens aus heutiger Sicht wohl beeindruckendsten Projekten gehört die Dokumentation „Berlin-Milieu. Ackerstraße“, die bereits wesentlich früher als weitere Berlin-Filme, nämlich 1973, entstanden ist. Hier werden nicht nur BewohnerInnen der unmittelbar an der Berliner Mauer lebenden Ackerstraße interviewt, sondern auch die Grenzsicherungsanlagen ausführlich gezeigt – in dieser Eindringlichkeit ansonsten ein absolutes Tabu im DDR-Film. Konzipiert als eine Geschichtsquelle für die Zukunft erhält das Dokumentieren hier eine ganze neue Dimension, die mitunter weit über den staatlichen Auftrag hinaus ging und schließlich auch ein Grund dafür war, weshalb die SFD 1986 aufgelöst wurde. Zu mutig waren diese Aufnahmen!

Die Ausstellung im Museum Ephraim-Palais zeigt mehrere Filmsequenzen der Staatlichen Filmdokumentation in ganz unterschiedlichen Kontexten. So widmet sich beispielsweise ein Ausstellungsraum den Grenzen im Ost-Berliner Alltag: Hier wird Veronika Ottens „Ackerstraße“ zu sehen sein.